Offener Brief

Stadtplanung ist Grünflächenplanung! Berlin darf sich seine Zukunft nicht verbauen!

Unter diesem Titel fordert das Netzwerk Grünzüge von Berlin in einem Offenen Brief an Berliner und Brandenburger Politiker einen neuen Umgang mit den vorhandenen Grün- und Freiflächen. Der Brief  –  von 25 Vereinen und Initiativen unterzeichnet  –  wird getragen von der Befürchtung, dass für den Wohnungsbau nun nach und nach alle Freiflächen, alle Brachen und Lücken zugebaut werden. Stattdessen sollen Grünverbindungen, beispielsweise entlang an Bahnlinien und Ufern, erhalten und genutzt werden, um ein zusammenhängendes Grünsystem zu bilden, zu dem jeder auf kurzem Wege Zugang hat.
Zitat aus dem offenen Brief:

Planen Sie die Vernetzung der Berliner Biotope, Grünflächen und Grüngürtel und schaffen Sie durch kurze Wege zu Grünarealen ein Angebot der Erholung im Grünen innerhalb Berlins, auf welches die Stadt auch in 100 Jahren noch stolz sein kann

Zur Wohnungsfrage schreiben die Autoren des offenen Briefes:

Die Wohnungsfrage muss nicht vorrangig über Neubau gelöst werden. Überprüfen Sie den Leerstand bestehender Gebäude und sichern Sie deren Nutzung. Investieren Sie in den Erhalt von günstigem Wohnraum. Nutzen Sie dabei die von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt errechneten Potentiale in vorhandenen Gebäuden . . .

und weiter . . .

. . . Falls Neubau dennoch nötig wird: Es gibt bereits hinreichend erschlossenes Bauland in Berlin, sowohl für Wohnen als auch für Gewerbe. Bebaubare Flächen können klug und effizient genutzt werden. Flachbauten und Freiluftparkplätze gehören nicht in die Innenstadt. Autoparkplätze können deutlich reduziert und in Gebäude integriert werden.

Als Leitlinien der Grünplanung schlägt der offene Brief vor:

  1. Aktive Planung zur Freihaltung grüner Achsen
  2. Vernetzung der Berliner Parks, Wälder und Grünflächen; Durchlässige Stadt für Fußgänger und Radfahrer
  3. Investitionen in den Flächenerwerb; Gelder vorrangig in den Erwerb und weniger in die Gestaltung
  4. Bürgerbeteiligung ernst nehmen, Instrumente der direkten Demokratie respektieren

Link zum Offenen Brief

Die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e.V. hat den Brief ebenfalls unterschrieben – auch aus leidvoller Erfahrung, drei Beispiele, der Praxistest zum Offenen Brief:

Erstes Beispiel: Baufläche Flottwellpromenade

Der nördliche Teil des Westparks des Gleisdreiecks wird durch die Bebauung „Flottwellpromenade“ auf einen schmalen Streifen reduziert. Im Flächennutzungplan ist die bebaute Fläche immer noch als Grün definiert, im Landschaftsprogramm der Senatsverwaltung ebenso. Hier ist zu besichtigen, was dem Mauerpark bevorsteht, wenn Groth sich auch dort durchsetzt.

Zweites Beispiel: Bautzener Brache

Die Bautzener Brache, südlich der Yorckstraße an den Gleisdreieck-Park anschliessend, deren Erhalt als Freifläche und als Verbindung zwischen Westpark des Gleisdreiecks und Nord-Süd-Grünzug entlang der der Anhalter Bahn wünschenswert ist. Auf diese Fläche trifft der folgende Satz aus dem offenen Brief zu:

Eine Grünzüge verbarrikadierende Bebauung wird nicht mehr genehmigt. Im Genehmigungsprozess von Bebauungen werden öffentliche Wegerechte und Durchgänge durchgesetzt.

Doch eine große Koalition aus SPD, Grünen und CDU im Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat sich auf die Bebauung der Bautzener Brache schon festgelegt. Hauptargument: die Wohnungen, die gebraucht werden. Der Offene Brief wird da kaum für Sinneswandel sorgen. Obwohl es hier ganz konkret Alternativen im Sinne des offenen Briefes gibt: das mit Flachbauten und Parkplätzen genutzte BSR-Areal zwischen Monumentenstraße und Kolonnenstraße.

Drittes Beispiel: der Grünzug im Wannssebahngraben

Der Grünzug im Wannssebahngraben schließt südlich der Yorckstraße an den Westpark des Gleisdreieck an. Eine große Mehrheit der Anwohner hat sich in den Beteiligungsverfahren  für eine naturschonende, kostensparende Lösung ausgesprochen. Mit technokratischen Argumenten setzt sich Bezirk Tempelhof-Schöneberg darüber hinweg. Im März noch konnte die Fällung von 90 Bäumen am Crellemarkt per Gericht verhindert werden. Anstatt eine Lösung gemeinsam mit den Anwohnern zu suchen, beschränkt sich der Bezirk jedoch darauf, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, um dann im kommenden Herbst die Bäume zu fällen. Das in Jahrzehnten gewachsene ruderale Grün, an dem die Anwohner hängen, wird von Grünen Bezirkspolitikern als wertlos bezeichnet.

Im offenen Brief heißt es dazu :

Bürgerbeteiligung ernst nehmen, Instrumente der direkten Demokratie respektieren

Am Wannssebahngraben offensichtlich passiert genau das Gegenteil – und die in der Crellestraße beheimatete Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V. hält sich raus. Es ist sicher einfacher, gut klingende Forderungen im politischen Raum zu formulieren, als in der Alltagsarbeit Lösungen für konkrete Probleme zu finden.

Matthias Bauer

2 Kommentare zu “Stadtplanung ist Grünflächenplanung! Berlin darf sich seine Zukunft nicht verbauen!

  1. Hallo Herr Bauer,

    Zur Bautzener Brache:

    Sie verschweigen, dass es sich um ein Grundstück handelt, das nicht dem Bezirk gehört, sondern privat ist. Der Bezirk kann es nicht kaufen.
    Die Grünen haben einen BVV-Antrag mit umfassenden sozialen und ökologischen Auflagen auf den Weg gebracht, der von der SPD und CDU unterstützt und ergänzt wurde. 80 % der 200 Wohnungen sollen Mietwohnungen werden und 20 % sollen für Menschen mit Wohnberechtigungsschein geschaffen werden. Daneben soll der Investor einen direkten Fuß- und Radweg zum Gleisdreieckpark bauen und einen weiteren S-Bahnzugang ermöglichen.

    Zum Wannseebahngraben:

    Hier geht es um einen Fuß- und Radweg. Nicht um Wohnungsbau. Anders als in Ihrem Artikel dargestellt ist es so, dass der allergrößte Teil der Vegetation bestehen bleibt. Zwei zusammenhängende Vegetationsbereiche bleiben rechts und links der Langenscheidtbrücke erhalten, die Böschung wird in diesem Bereich eingezäunt und ist nicht zugänglich. Auf der östlichen Seite der S-Bahn bleibt ebenfalls eine sehr große Fläche unberührter Natur erhalten und dient als Biotopverbindung zwischen Gleisdreieck und Cheruskerpark. Von einer völligen Zerstörung der Stadtnatur im Wannseebahngraben kann also keine Rede sein.

    Viele Grüße
    David Braun
    Fraktion der Grünen in der BVV Tempelhof-Schöneberg

    1. Sehr geehrter Herr Braun,

      „wir würden ja gern, können aber nicht, weil . . . „ das ist eine beliebte Politikerfloskel.

      Als Mitglied der BVV Tempelhof-Schöneberg sollten Sie jedoch wissen, dass die Bautzener Brache planungsrechtlich als Außenbereich nach §35 Baugesetzbuch eingestuft ist. Ein Baurecht auf dieser Fläche entsteht erst durch die politische Entscheidung der BVV. Die BVV kann sich gegen dieses Baurecht entscheiden ohne befürchten zu müssen, schadensersatzpflichtig gegenüber dem Grundstückseigentümer zu werden. Es sei denn, der Bezirk hat schon Verträge mit dem Grundstückseigentümer geschlossen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß.

      Zum Wannseebahngraben. Richtig, dort ist keine Wohnbebauung geplant, sondern ein Weg für Fußgänger und Fahrradfahrer. Der Konflikt wäre also viel einfacher zu lösen. Um so schlimmer, dass sie keine naturschonende Lösung finden. Die vom Bezirk favorisierte Lösung läuft auf den Abriss der alten, seit den 1930er Jahren funktionslosen und seitdem grün überwucherten Bahnsteiganlage am Crellemarkt hinaus. Als Grund werden Sicherheitsbedenken der Bahn angegeben. Deswegen soll der neu Weg nicht auf dem dort schon vorhandenen Weg verlaufen, der zur Zeit als Baustraße für den S-Bahnhof Yorck/Großgörschenstraße genutzt wird. Angeblich muss genau hier auf diesen 200 m der Fuß- und Fahrradweg getrennt vom Kabelkanal laufen, während bei den Abschnitten südlich und nördlich des Crellemarkts der Kabelkanal kein Problem darstellt. Nicht nachvollziehbar! Und wie kann man von einem Fahrradschnellweg auf der Trasse der Stammbahn über Schöneberg, Steglitz und Zehlendorf nach Potsdam träumen, wenn man das noch nicht mal auf dem kurzen Abschnitt am Crellemarkt hinbekommt?

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