Warten auf Ufos

Von ALA bis ZAHA – Architekturstars eingeladen zum Wettbewerb „Urbane Mitte“ am Gleisdreieck

Der Wettbewerb für das Baufeld „Urbane Mitte“ ist gestartet. In zwei Phasen bis Ende November sollen die Teilnehmer eine städtebauliche Lösung finden, um die Baumassen von rund 110.000 m² Geschossfläche auf dem komplizierten Grundstück mit zahlreichen aktuellen und geplanten Bahnlinien unterzubringen. Mit dem Wettbewerbsergebnis soll dann anschließend das Bebauungsplanverfahren eingeleitet werden.

Insgesamt sind 257.000 € als Preisgelder vorgesehen. Das Feld der eingeladenen Teilnehmer liest sich wie das „Who’s Who?“ der internationalen Architekturszene, von A wie ALA Architects Ltd.; Helsinki   bis Z wie Zaha Hadid Architects Ltd.; London.

Man fühlt sich erinnert an die frühen 90er Jahre, als Architekten aus aller Welt sich auf den Potsdamer- und Leipziger Platz stürzten. Das Ergebnis des damaligen Wettbewerbs, der siegreiche Entwurf von Renzo Piano, wurde mit dem Begriff „Europäische Stadt“ hochgejubelt. Heute juckt es kaum einen Berliner, wenn das Stück „Europäische Stadt“ einfach mal so verscherbelt wird – für 1,4 Milliarden. Potsdamer Platz ist was für Touris. Bizim-Kiez bewegt die Berliner viel mehr als Potsdamer Platz.

Bekommen wir einen zweiten Potsdamer Platz am Gleisdreieck?

Das geplante Bauvolumen von 110.000 m² Geschossfläche + 8000 m² in den Viadukten des Gleisdreieck unterhalb des Hochbahnhofes spricht dafür. Und die im Ausschreibungstext genannten Nutzungen sprechen dafür: Zwei Drittel sind für Büros, Hotels und Dienstleistungen vorgesehen, ein Drittel für Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen, Kunst und Kultur und etwas Wohnen. Ungefähr der gleiche Nutzungsmix wie am Potsdamer Platz. Udo, du kannst bald umziehen.

Bis jetzt ist das Gleisdreieck geprägt durch die historischen Verkehrsbauwerke, den Hochbahnhof Gleisdreieck, die Brücken der Hochbahnen und die Tunneleinfahrt der neuen Fern- und Regionalbahn mit den Holzterrassen. Ehemals ein Loch im Straßennetz ist das Gleisdreieck seit der Öffnung als Park ein intensiv genutzter öffentlicher Raum geworden, mit unendlichen vielen Besuchern, Tag und Nacht. Früher „ein unverdaulicher Fremdkörper im Magen der Stadt“ [ Werner Hegemann], schafft das Gleisdreieck heute grüne Verbindungen zwischen ehemals getrennten Stadtteilen. Doch noch heute spürt man hier die Unterbrechung des Stadtgrundrisses, durch die Höhenstufe, die man überwindet an den Eingängen des Parks, durch die weiten Blicke, die möglich sind, durch die Architekturen der Bahn, die den Gesetzen der Bewegung folgen und nicht dem Raster der gründerzeitlichen Stadt, durch das Grünzeug an den verrosteten Schienen.

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Im Westpark, hinter dem Zaun liegt das Baufeld „Urbane Mitte“. Aufnahme vom Sommer 2014. Der mit Klinkern verkleidete Pfeiler der Hochbahn U1 steht schon auf dem Baugrundstück. Das Ringbahnviadukt, sichtbar hinter dem Stahlstützen der Hochbahn, ist inzwischen abgerissen worden.

Die westlich gelegenen Neubauten an der Flottwellstraße sind dagegen aus dem Raster der gründerzeitlichen Stadt entwickelt. Der historische Freiraum Gleisdreieck wird durch sie eingeengt, „eingeknastet“ wie manche das empfinden. Dem Freiraum Gleisdreieck wenden die Macher der Flottwellpromenade ihre Rückseite zu. Sie ignorieren, dass hier ein öffentlicher Raum entstanden ist. Aus ihrer Sicht ist dient der Park hauptsächlich zur visuellen Erweiterung ihrer östlichen Grundstücksbereiche und damit zur besseren Vermarktung der Wohnungen.

Durch das Baufeld „Urbane Mitte“ wird der Park noch enger. Doch das Baurecht ist vorhanden durch den städtebaulichen Vertrag von 2005. Baurecht gegen Parkflächen war der Deal. [Link zum Vertragstext]

Nun kommt es darauf an, das Beste daraus zu machen, damit hier kein zweiter Potsdamer Platz, keine zweite Flottwellpromenade entsteht. Wird spannend sein zu sehen, wie die Wettbewerbsteilnehmer mit den Anforderungen umgehen. Ob sie das geforderte Bauvolumen bis zum Anschlag ausreizen? Wie weit sie in die Höhe gehen, 90 m, 120 m oder noch mehr? Ob sie den Park als öffentlichen Raum respektieren, ob sie in den Gebäuden öffentliche, für jeden zugängliche Nutzungen anbieten? Ob es Wohnungen geben wird, die nicht nur für Udo Lindenberg bezahlbar sein werden? Ob sie ihre Architektursprache im Dialog mit dem Ort entwickeln oder einfach die altbekannten Kisten aus Stahl und Glas abstellen? Oder ein paar Ufos landen lassen, die alle Wünsche erfüllen?

Ausschreibungstext bei competition-online

https://www.competitionline.com/de/ausschreibungen/201610

Frühere Artikel zur „Urbanen Mitte“

https://gleisdreieck-blog.de/category/urbane-mitte/

2 Kommentare zu “Von ALA bis ZAHA – Architekturstars eingeladen zum Wettbewerb „Urbane Mitte“ am Gleisdreieck

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