Station

Rückblick auf drei Tage re;publica im ehemaligen Postbahnhof

Es wird dauern, die Eindrücke von drei Tagen re;publica zu verarbeiten. Vor Ort mit so vielen Menschen zusammenzutreffen, so viele “Speaker“ live zu hören und zu sehen, macht einen Unterschied zum Lesen und zur Wahrnehmung am Monitor. Tausende Menschen am gleichen Ort, aus dem gleichem Interesse aber doch mit den unterschiedlichsten Sichtweisen, produzieren Energie, die spürbar ist. Nicht nur dies erinnert an Kirchentage. Es gibt ein Überangebot an Veranstaltungen, einen Markt der Möglichkeiten, auf dem große und kleine Unternehmen sich präsentierten. Die Bandbreite reichte von Google und Porsche über öffentliche-rechtliche Fernsehstationen, Tabakverkäufer, Elektronikbastler bis zur gewerkschaftseigenen Böcklerstiftung. Quer durch die Halle zog sich – inspiriert von den Rotationsmaschinen der Druckindustrie eine Papierbahn, auf der sich der integrale Text von Melvilles Moby Dick befand. Statt Textexege gab es einen Vorlese-Wettbewerb. Im Hof stand keine schwarze Kaaba, sondern ein Würfel aus Altpapier mit dem Motto der re;publica: tl:dr – too long – didn’t read.

Die Kaaba aus Altpapier

Themen waren die Macht der Internet-Riesen Google, Facebook usw. der „Geist des digitalen Kapitalismus“ , die Schwierigkeiten der Politik mit der Digitalisierung umzugehen, Regeln aufzustellen, den digitalen Raum zu demokratisieren, faire Konkurrenzbedingungen zu schaffen und den Missbrauch der sozialen Netze durch Populisten zu verhindern.

Oliver Nachtwey in seinem Vortrag „Der Geist des digitalen Kapitalismus“ zitiert Ray Kurzweil: „Does God exist? Well. I would say, not yet“, die Omnipotenzphantasie eines Google-Chefs.

In allen Diskussionen war das Global Warming – die Klimakatastrophe präsent. Dies wurde insbesondere in den Veranstaltungen zum Thema Verkehr deutlich. Immer wieder ging es darum, die Straße zurückzugewinnen – nach 120 Jahren Politik für das Automobil. Mit dem Inpetus der moralischen Entrüstung wurde gefordert, den Autofahrern Platz wegzunehmen zugunsten von Fußgängern und Radlern. Dahinter stand der Wunsch endlich etwas tun zu wollen und mit den eigenen, lokalen Interessen im Gleichklang zu sein mit der globalen, für das Überleben der Menschheit wichtigen Forderung nach der Begrenzung der Klimaerwärmung.

Mikael Colville-Andersen: Back to the Future in Urban Design: To-Do List: Break down the silos. Use design thinking. Ride a bike – or support those who want to. Occupy a street. Plant a garden. Drink beer while doing it. Do it together

Zufällig besuchte ich einen matt-schwarz-lackierten Lastwagen mit der Aufschrift LAB 1886. Sah aus wie das Reklamefahrzeug eines Schnapsherstellers. Drinnen hielt ein Futurist der Daimler AG einen Vortrag über das Ineinandergreifen von technologischer und kultureller Inovation.  Panikmacherin Greta Thunberg war er dankbar dafür, dass sie die Klimakatastrophe ins Zentrum gerückt hat. Wer einen Baum pflanzen könne, solle das tun, das sei gut. Aber es würde nicht ausreichen. Selbst wenn wir unser Leben auf 0-Emission umstellten, ginge die Erderwärmung noch weiter. Ohne den Einsatz von Maschinen, die das CO2 wieder aus der Luft holen, gäbe es kaum Überlebenschancen. Hoffen wir, dass er seine eigene Firma überzeugen kann.

Luftbild des Postbahnhofs von 1991, daneben der Sabine Kerns Walfisch-Lageplan der re;publica. Bis 1994 wurde hier der gesamte Paketverkehr von Westberlin abgewickelt. Heute ist es ein Raum, der Menschen versammelt und inspiriert.

Auf der Fläche der großen Halle mit der Nummer 1 und der beiden kleinen Hallen mit den Nummern 3 und 4 waren früher die Bahnsteige, an denen die Postzüge aus- und beladen wurden. Die beiden Flügel mit den Sälen 6 und 8 auf der Westseite und 5 und 6 auf der Ostseite wurden Abgangs – und Ankunfts-Postkammer genannt. Diese Strukur ging durch bis zur Straße. Dort wo die Akkreditierung für die re;publica stattfand, konnte man sein Päckchen abgeben, auf der gegenüberliegenden Seite abholen.

Heute läuft alles mit LKWs. Die Päckchen kommen aus Güterverkehrszentren außerhalb der Stadt, z. B. aus dem Zentrum der Post in Rüdersdorf östlich von Berlin. Waren kommen beispielsweise aus dem Güterverkehrszentrum Großbeeren südlich von Berlin. Im Bezirk Tempelhof-Schöneberg streiten sich die Lokalpolitiker gerade um den Bau einer Straße durch die Mariendorfer Feldmark, um den LKW-Verkehr nach Berlin in den Griff zu bekommen.

Auf meiner eigenen kleinen Veranstaltung, einen Spaziergang über das Gleisdreieck  wollte ich unter anderem diesen Aspekt diskutieren. Mit dem Gleisdreieck-Park haben wir eine grüne Infrastruktur entwickelt – einen überregionalen Fahrradweg. Dabei ist der Güterverkehr mit der Schiene hier und auf fast allen anderen innerstädtischen Bahnhöfen weggefallen. Diese Entwicklung scheint unumkehrbar, aber was machen wir mit den vielen Lastwagen auf unseren Straßen?

In den letzten drei Jahrzehnten hat sich das Gleisdreieck verändert wie kaum ein anderer Ort – quasi parallel zu Digitalisierung. Interessant, dass gerade die brachgefallene Hardware des Industriezeitalters die Menschen so inspiriert. Woran liegt das? Und ich wollte einen Ausblick geben auf die möglichen Entwicklungen der nächsten Jahre. Leider ist mein Side-Event untergangen in der Unübersichtlichkeit der unendlich vielen Angebote. Hoffe, dass ich das auf der nächsten re;publica besser machen kann.

Ausgewählte Beiträge

re:publica 2019 – Frank-Walter Steinmeier: Rede des Bundespräsidenten
https://www.youtube.com/watch?v=6hfFGM7UTK4

re:publica 2019 – Markus Beckedahl: tl;dr – Digital war mal besser
https://www.youtube.com/watch?time_continue=520&v=xDt69e_LPyc

re:publica 2019 – Mikael Colville-Andersen: Back to the Future in Urban Design
https://www.youtube.com/watch?v=luzA74TgJI8

re:publica 2019 – Oliver Nachtwey: Der Geist des digitalen Kapitalismus
[https://www.youtube.com/watch?v=TlEK9Nrqk2g]

re:publica 2019: Populismus: Autoritär oder Gegenkultur? – Torben Lütjen
https://www.youtube.com/watch?v=NIVJ0ZsaUs4

re:publica 2019 – Margrethe Vestager: Fairness and Competitiveness in a Digitised World
https://www.youtube.com/watch?v=g1o3YLeEN5A

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede zur Eröffnung der re;publica, übertragen auf eine Leinwand beim Lokschuppen im Technikmuseums.
Moby Dick auf der Rotationsmaschine
Fahrradparkplätze in der Luckenwalder Straße
Veröffentlicht in Station - ehemaliger Postbahnhof

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