Mit Genehmigung

Gleisdreieck Berlin 2012 – Kunst im öffentlichen Raum

Wer in diesen Tagen eigenartige Transporte auf dem Gelände des Ostparks wahrnimmt oder Damen, die scheinbar verrostete Eisenbahnschienen polieren, wird Zeuge der Vorbereitung auf eine große Kunstausstellung, die am kommenden Freitag Abend, den 20. Juli in der Ladestraße des Anhalter Güterbahnhofs eröffnet werden wird. 18 Künstler aus der Schweiz und Deutschland werden dann 8 Wochen lang ihre Werke im Ostpark, dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof ausstellen. Auf unterschiedliche Weisen reflektieren die Künstler sowohl die jüngere Geschichte des Parks, als auch die weiter zurückliegende des Anhalter Güterbahnhofs.

Lageplan derAusstellung Gleisdreieck Berlin 2012
Lageplan der Ausstellung Gleisdreieck Berlin 2012

Mit ihren Arbeiten knüpfen die Künstler an an das, was es auf dem Gleisdreieck gab, bevor es ein offizieller Park wurde – und das es heute nicht mehr gibt . Das Gleisdreieck war ein Freiraum, entstanden im politischen Vakuum zwischen Ost und West. Diesen Freiraum nutzten als erste die Pflanzen, dann die illegalen menschlichen Besucher, die hier experimentierten. Als Spaziergänger traf man auf oft auf Skulpturen aus vorgefundenen Gegenständen, auf Grafitti überall, wo die Farbe nur halbwegs hielt, auf Theatersessions im Wald oder Klangexperimente in der Kugel des Wasserturms, der heute auf dem Gelände des Technikmuseums steht. Bis 2007 dauert diese Ära. Eine der letzten Aktionen aus dieser Zeit war die Galerie der Wildkräuter von Alex Toland, von der noch ein paar Exponate in den interkulturellen Garten „Rosenduft“ gerettet wurden.

Was früher jeder auf der Fläche machen konnte und manche eben auch taten, ist heute Privileg von Künstlern, die natürlich erstmal ein Konzept – ein Dossier – vorlegen mussten, das dann von diversen Verwaltungen, der Grün Berlin GmbH usw., genehmigt werden musste. Chapeau für diese Leistung!

Beim Lesen des Dossiers zur kommenden Ausstellung hatte ich den Eindruck, dass die Künstler mit viel Feingefühl das Besondere der aktuellen Situation des Parks ein Jahr nach seiner Fertigstellung aufspüren und reflektieren.

Tabula Rasa als Voraussetzung von Umgestaltungen und das Zurückgeworfensein des Betrachters auf die neu geschaffenen Tatsachen, die gespiegelt sich selbst begegnen und keine historische Schicht mehr freigeben.

heißt im Dossier über die Arbeit von Fred Fischer „Somewhere else“, oder

Denn das Berliner Biotop mit gewachsenen Strukturen und alternativen Nutzungen war von städtischer Verwaltung lange unberührt geblieben und erscheint nun als stadtplanerisch strukturierte, geglättete Grünfläche.

schreibt Ellen Kobe zu ihrer Arbeit „Flora am Gleisdreieck“.

Damit erfassen sie ziemlich genau das, was auf dem Gleisdreieck passiert ist. Wie die künstlerischen Arbeiten das dann verarbeiten, werden wir vor Ort sehen.

Die Ausstellung nennt sich „Gleisdreieck Berlin 2012 – Kunst im öffentlichen Raum“. Der Titel ist programmatisch. Früher war das Gleisdreieck eben nicht wirklich ein öffentlicher Raum, aber es war ein Freiraum. Schafft es die Ausstellung, ein Stück dieser Freiheit in den öffentlichen Raum zurückzubringen?

Als ich am vergangenen Wochenende zwei Frauen sah, die scheinbar Schienen polierten, hat mich das erstmal an die frühere Freiheit erinnert. Ich sprach sie an und erfuhr, dass sie an ihrem Ausstellungsprojekt arbeiteten.

Christine Berndt ist eine der wenigen, die ihre Arbeit direkt vor Ort herstellt. Was aus der Ferne wie Schienenpolieren aussah, war ein Kupferband, das Christine Berndt gemeinsam mit ihrer Kollegin auf die Schienen aufbrachte. Darauf platzierten sie Textfragmente von Hertha Müller, Rose Auslaender und Jakob von Hoddis. Die aus Frakturbuchstaben gebildeten Worte erinnern an den Abgrund der deutschen Geschichte und berichten, welche Funktion die Anhalter Bahn bei den Deportationen für den Holocaust erfüllte.

5 Kommentare zu “Gleisdreieck Berlin 2012 – Kunst im öffentlichen Raum

  1. Liebe Frau Kaufhof
    wir haben Ihren interessanten Kommentar zu unserer Ausstellung sehr genossen und danken Ihnen dafür. Sie treffen die Punkte haargenau und wir werden deswegen die Werke aus dem Park entfernen. Es wäre schön, wenn Sie eine Ausstellung mit Ihren Vorstellungen auf die Beine stellen könnten und die unsere ersetzt.
    Freundliche Grüsse,
    Eggs & Bitschin

  2. Das Schönste an diesen Kunstwerken ist ihre Unaufdringlichkeit. Ob z. B. die bunten Bretter in den leeren Fensterhöhlen des alten Stellwerks den üblichen bauarbeitlichen Bemühungen um Anti-Vandalismus-Verrammelung geschuldet sind oder ob es sich um Ergebnisse zeitgenössisch-designkünstlerischer Schaffenskraft handelt – wer wollte es ermessen in einer Zeit, in der wir ohnehin im öffentlichen Raum allerorten mit Abstrusitäten jeglicher Art konfrontiert sind? Auch, daß die Designerleuchte von Pabsch nicht einfach nur ein weiterer Bestandteil des alltäglichen Berliner Lampen-Panoptikums ist, sondern in ihr vielmehr die Namenlosigkeit künstlerisches Programm geworden ist, wodurch sie sich der Präsenz architektonisch konstruierter Machtbehauptung widersetzt und dabei auch visuell über sich hinausgeht, daß die windschiefe rote Sperrholzbude von de Barros & Partnerinnen nicht etwa nur den an der Hornstraße in Bau befindlichen Toilettenkiosk etwas hölzern persifliert, sondern daß sie glatt über die Tradition partizipatorischer Kunst im 20. Jahrhundert hinausgeht, oder daß die „mit lockerer Hand ausgestreuten“ Holzklötzchen ein „Outdoor Furniture Project“ nicht etwa von Loidl & Partner, sondern von „LORIS&LIVIA“ sind, erschließt sich wohl nur durch das Studium der Werbepamphlete, mit denen das Stadt- und Landschaftskunstbusiness die Stadtväter immer wieder erfolgreich einseift und zur Verplemperung von Steuergeldern animiert.

    In ihrer weitgehenden Sinnbefreitheit spiegeln die Exponate jedenfalls den geistigen Zustand unserer Gesellschaft optimal wider, was bei angemessener Ignoranz gegenüber den heute tatsächlich in diesem Land herrschenden, z. T. himmelschreienden Verhältnissen sicherlich auch eine Voraussetzung für öffentliche Aufträge ist. Sollte jemand dennoch nicht umhin können, die vom Künstler / der Künstlerin konstruierten Zusammenhänge ein Stück weit nachvollziehen zu wollen, so sei ihm dringend empfohlen, vor dem Betrachten der Werke die Gebrauchsanweisungen von den Webseiten der Künstler herunterzuladen oder zumindest die heiße Luft aus dem „Dossier“ artig in sich aufzusaugen. So lernt man zum Beispiel auch, wie bei den abgekupferten Zitatfragmenten auf den Eisenbahnschienen in bedeutungsschwangerer Frakturschrift der Blick zu „springen“ hat, will man die Botschaften in ihrer ganzen geistigen Tiefe ausloten, mit denen die Künstlerin die „Abgründe deutscher Geschichte rekurriert“.

  3. Ein schönes Plakat zu einem hoffentlich (gesehen habe ich sie noch nicht) interessanten Ausstellungsprojekt, dem ich viel Aufmerksamkeit wünsche.

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