Brief eines Anwohners an die Abgeordneten

Ich schreibe Ihnen aus dieser Zukunft, weil wir sie noch verhindern können

Sehr geehrte Abgeordnete,

ich schreibe Ihnen aus einer Zukunft, die wir alle hätten verhindern können.

Zehn Jahre sind vergangen, seit die Hochhäuser an der Urbanen Mitte am Gleisdreieck gebaut wurden. Zehn Jahre, seit der Park, der einst ein lebendiger, offener, freier Raum für Zehntausende war, seinen schleichenden Tod starb. Heute erinnern sich viele nur noch dunkel daran, wie es war, als man hier noch Himmel sehen konnte.

Damals sagten Sie, es gehe um „Wohnen“. Heute wissen wir: Es war ein Vorwand. Auf dem südlichen Baufeld steht kein einziger Wohnraum, sondern ein Hotelkomplex und teure Kurzzeitapartments, die sich kaum jemand leisten kann. Die versprochenen Sozialwohnungen auf dem nördlichen Baufeld? Sie wurden nie gebaut. Die Konstruktion war zu teuer, die Subventionen zu hoch, das Projekt zu kompliziert. Das Geld floss an anderer Stelle – und der Park verlor trotzdem.

Was wir gewonnen haben, sind Schatten. Schatten der Hochhäuser, die den Park im Winter verdunkeln und im Sommer aufheizen. Schatten von Beton, der die Luft staut. Schatten von Entscheidungen, die damals als „notwendig“ verkauft wurden.

Was wir verloren haben, ist unersetzlich.

Wir verloren einen Ort, an dem Kinder frei spielen konnten, ohne Konsumzwang.  
Wir verloren einen Ort, an dem Menschen aus allen Bezirken zusammenkamen.  
Wir verloren einen Ort, der Berlin atmen ließ.  

Heute ist der Park ein Fragment seiner selbst. Die Wiesen sind kleiner, die Wege enger, die Atmosphäre bedrückter. Viele kommen nicht mehr. Die Urbanität, die man schaffen wollte, hat die Urbanität zerstört, die schon da war.

Und wenn man heute fragt, wie es dazu kommen konnte, fällt ein Satz immer wieder:  

Damals haben die Abgeordneten von CDU und SPD dafür gestimmt.“

Ich schreibe Ihnen aus dieser Zukunft, weil wir sie noch verhindern können.  

Noch ist der Park nicht verloren. Noch können Sie sich gegen einen Bebauungsplan stellen, der weder dem Wohnen dient noch dem Gemeinwohl. Noch können Sie eine Entscheidung treffen, die nicht in zehn Jahren als Fehler in Erinnerung bleibt.

Bitte hören Sie auf die Menschen, die diesen Park lieben.  
Bitte hören Sie auf die Fakten, die klar zeigen, dass hier kein bezahlbarer Wohnraum entsteht.  
Bitte hören Sie auf Ihr Verantwortungsgefühl gegenüber einer Stadt, die dringend freie, grüne Räume braucht.
Sie haben es in der Hand, ob wir in zehn Jahren sagen müssen:  

Es hätte nicht so kommen müssen.“

Mit eindringlichen Grüßen  

K. E., Parkanwohner und Psychologe und täglicher Benutzer des Gleisdreieckparks

Veröffentlicht in Urbane Mitte Gleisdreieck

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