Sandstrahlen, Schleifen und Kärchern

Den Blick in die Ferne schweifen lassen und in der Nähe Unvermutetes entdecken

Vor ein paar Tagen habe ich ein Bild des Betonklotzes, der im Ostpark am südlichen Ende der Schotterfläche steht, hier veröffentlicht. Wahrscheinlich in der Nacht zuvor hatten Unbekannte den Betonklotz beschriftet mit „Refugees Welcome“ und „Nazis aufs Maul“. Nur drei Tage später ist die Beschriftung wieder entfernt, ein schwacher rosa Schimmer ist noch auf dem Beton zu erkennen.
Ausländerfeindlichkeit? Nein auf keinen Fall! Das ist es nicht.

Betonklotz auf der Schotterfläche, Aufnahme im Ostpark am 8. 09. 2015
Betonklotz auf der Schotterfläche,  Aufnahme im Ostpark am 8. 09. 2015
Betonklotz auf der Schotterfläche, Refugees Welcome, Aufnahme im Ostpark am 5. 09. 2015
Betonklotz auf der Schotterfläche, Refugees Welcome, Aufnahme im Ostpark am 5. 09. 2015

Es ist die Anti-Graffiti-Strategie der Grün Berlin GmbH. Sobald irgendetwas beschmiert wird, egal ob eine Oberfläche aus Stahl, Holz oder Beton, wird sofort gesandstrahlt, geschliffen und gekärchert, koste es, was es wolle. Wehret den Anfängen, heißt es. Wenn man Graffiti zulassen würde, dann wäre innerhalb kurzer Zeit der ganze Park voll davon. Lediglich auf Oberflächen, für die die Grün Berlin GmbH nicht zuständig ist, wird Graffiti toleriert, wie z. B. entlang der 200 m langen Betonwand im Ostpark, die eben zur Deutschen Bahn gehört.

Einerseits ist die Haltung der Grün Berlin verständlich. Wenn alles zugetaggt wäre, wäre das unerträglich. Anderseits war das Gleisdreieck in den letzten Jahrzehnten aber auch immer ein Ort des Experiments. „Den Blick in die Ferne schweifen lassen und in der Nähe Unvermutetes entdecken“ so charakterisierte ein Besucher im Rahmen des Onlinedialogs im Jahre 2006 das Gleisdreieck. Was er meinte mit dem Unvermuteten: die Pflanzen, die eigentümlichen Technikreste und die Eingriffe der Besucher, die aus Fundstücken Skulpturen bastelten, den Wasserturm bemalten, ihre Zeichen in der Landschaft hinterließen.
Unvermutete Pflanzen dürfen heute auf den reservierten Schotterflächen wachsen, vorausgesetzt sie halten sich an die Vorgaben des Pflegekonzepts. Immerhin funktioniert das ganz gut. Das grobe Gestein sorgt dafür, dass nicht zu viel Menschen drüber laufen. Das Grünzeug wächst und gedeiht, bis auf die kleinen Pappeln, die als Unkraut bezeichnet und enfernt werden. Manches fehlt auch, z. B. die Moose, die früher hier an manchen Stellen zu finden waren. Trotzdem, vier Jahre nach Eröffnung des Parks ist eine biologische Sukzession im Anfangsstadium zu sehen, direkt neben an im Wäldchen sieht man, was in 70 Jahren daraus werden könnte.
Aber menschliche Eingriffe, mal abgesehn von den gärtnerischen Eingriffen der Grün Berlin GmbH ? Visuelle Zeichen dürfen menschliche Besucher nur noch als Graffiti an der Betonwand zur Bahn hinterlassen – und die ist viel zu kurz für die vielen Jungs, die da malen wollen. Andere Kunstrichtungen kommen gar nicht mehr zum Zuge. Ich bedauere das, denn ich habe mich in den letzten Jahrzehnten immer über das Unvermutete, Überraschende vor Ort gefreut sowie jetzt auch über den Spruch „Refugees Welcome“.

4 Kommentare zu “Den Blick in die Ferne schweifen lassen und in der Nähe Unvermutetes entdecken

  1. Als täglicher Nutzer des Parks bin ich sehr froh, dass die Grün Berlin die täglichen Vandalismus Folgen konsequent wieder beseitigt, ich persönlich finde zerschlagene Bierflaschen auf den Wegen und besprayte Bänke wenig poetisch. Man sollte die Zerstörungswut und Grenzdebilität von einigen Idioten allerdings auch nicht beschönigen sondern beim Namen nennen.

  2. Es gibt in der Stadt zu viele Gelegenheiten, auch in Parks, viele hässliche Farbverteilungen , sogenannte Graffities, zu bewundern.

    Schön dass Müll und Graffiti im Gleisdreieck immer noch zügig beseitigt werden.

  3. Graffitied im Jahre 2016 sind wie ein Pickel am Arsch, hässlich und unnötig, Streetart muss wirklich nicht mehr sein. Ich beobachte es jeden Tag, es wird alles entfernt und das hat nichts mit Statements „Refugees are welcome“ zu tun.

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