Gastbeitrag von Berthold Menzel, Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V.
Wir sind angetreten, um den Park vor den Hochhäusern zu retten, aber keiner redet aktuell mehr vom Park! Böses Erwachen: fast könnte man sagen, dass unser Eintreten für den Park am Ende dazu geführt hat, dass unser Gegner, die „Urbane Mitte“ überraschend mit ihren Plänen als Problemlöser für die innerstädtische Wohnungsnot dasteht! Und Gaebler kann sich auf die Fahnen schreiben, dass er Geburtshelfer dieser Wandlung war, hat er doch einfach den Joker „Wohnen“ gezogen. Das ist perfide, aber reicht es, ihn (und die SPD) des Verrats zu bezichtigen? Für ihn und die Genossen seines Schlages waren die Belange des Parks immer nebensächlich.
Warum scheint das Thema Park abgefrühstückt? Und was haben wir zu wenig beachtet? Fakt ist: Das Thema Wohnen hat sich in der langen Auseinandersetzung derart verselbständigt, dass es ab jetzt die gesamte Diskussion beherrscht.
Schauen wir uns die Aktivitäten in der SPD im Vorfeld des Beschlussverfahrens im AGH an: Im Antrag der SPD-Friedrichshain-Kreuzberg an den Landesparteitag ist noch von der „Aufenthaltsqualität“ im Park die Rede, im Beschluss kein einziges Wort zum Park! Es geht nur noch ums Bauen und die Nutzung, Büro oder Wohnungen. Wohnen schlägt Parknutzung!
Die Antragskommission der Landes-SPD macht ihre Arbeit und vollbringt das Kunststück, aus gut gemeinter ökologischer Kritik immobilienfreundliche Empfehlungen zu machen. Sprach doch der Antrag der SPD/KDV Friedrichshain-Kreuzberg in der Begründung noch eine ganz andere Sprache. Er führt die Bedeutung innerstädtischer Freiräume für ein „gutes Leben für alle“ an und findet Worte für das Bedürfnis nach Erholung und Freizeit, die von heute aus leider wie reine Prosa und fast schon rührend wirken.
Vielleicht waren nicht nur die wohlmeinenden SPD- Kreisdelegierten blauäugig, was die Aufnahme ihres Antrags anging, sondern auch die, die glaubten, es könne im AGH politisch noch einmal um die Belange des Parks gehen. Einzig das Thema Wohnen brachte überhaupt ein Streitpotential auf, das jetzt irgendwie befriedet werden kann und muss. Das hätte man schon früher erahnen können, nachdem für viele, die unseren Aufruf unterschrieben haben, entscheidend war, dass es sich (ausschließlich) um Büros handeln sollte. Wir hätten auch früher schon wissen können: Sobald es um Wohnen geht, haben die Belange des Parks nichts mehr zu melden.
Wie auch immer die politische und baurechtliche Auseinandersetzung um die „Urbane Mitte„ weitergeht, es wird sich ab jetzt um das ihr abgetrotzte Thema Wohnen drehen. Ob rechtmäßig oder oder nicht, praktikabel oder nicht, um weniger oder mehr, hochpreisig oder sozialverträglich – es ist zu befürchten, am Ende kommt dafür Baurecht.
Und die Belange des Parks? Die sind ab jetzt zu einem Schattendasein verurteilt sein, wenn wir uns für sie nicht stark machen.
Der Park ist und bleibt ein hohes Gut, das gerade jetzt bewusst gemacht werden muss.
Verglichen mit dem Pragmatismus des Bauens, hängt der Verteidigung des Parks etwas Idealistisches an. Denn es geht nicht um effektives Schaffen von Wohnraum, sondern „nur“ um die Bewahrung von Natur, um Erhalt und Pflege einer lebendigen Umgebung. Ob das gelingt, entscheidet aber darüber, ob der Park so attraktiv bleibt, wie er ist, oder sich mehr und mehr selbst überlassen bleibt. Entscheidend wird sein, ob man sich in ihm weiterhin wohl fühlt oder „ungemütlich“. Objektivierend sprechen wir von „Aufenthaltsqualität“, die darüber entscheidet und führen Fallwinde, Hitzestau und Verschattung an, die den Aufenthalt im Park vermiesen könnten. Das ist gut nachvollziehbar, aber es geht auch um die Behauptung eines angestammten Naturraums gegen den Stadtraum, der verdichtet werden soll.
Der Park ist kein isolierter Ort, er steht im Verhältnis zu der gebauten Umgebung, wie auch die Bauten in einem Verhältnis zur freien Fläche stehen würden. Kommen die Hochbauten, wird der Park zugebaut, auch wenn darauf verwiesen wird, dass er selbst nicht Baugrund ist. Aber Raum und Luft würden durch die Phalanx der Hochhäuser beschnitten, hier passt das Bild vom „Vorgarten der Hochhäuser“, in den sich der Park verwandeln würde. (Man erlebe zur Abschreckung nur mal den überbauten Grünzug des Tilla-Durieux-Parks am Potsdamer Platz, der so eng und unattraktiv wirkt wie die überdimensionierten Wippen, seit Jahren dauerhaft festgestellt.)
Als grüne Ausgleichsfläche verkörpert der Park von Anbeginn den Gegensatz zur Baumasse am Potsdamer und Leipziger Platz – die neuen Bauten würden ihm auf den Leib rücken und ihn von seinem angestammten Nachbarn und Namensgeber, dem U-Bahnhof Gleisdreieck, abschirmen. Bereits im südlichen Bauabschnitt schlösse die Bebauung den Park von seinem grünen Umfeld, vom Wäldchen und dem Gelände des Museums für Verkehr und Technik, ab. Das würde dem Park die Luft nehmen und seinen offenen Charakter verändern: er würde auf eine isolierte Grünfläche reduziert.
Was würde das für die Parknutzer bedeuten? Würden sie sich noch am richtigen Ort fühlen, oder ihn eher aufgeben? Das wird dann von ihrem (Bauch)Gefühl abhängen, davon, wie Ort und Raum in ihnen lebendig werden. Schon heute ist aber davon auszugehen, dass der Aufenthalt im Park durch die geplanten Bauten „unfreundlich bis ungemütlich“ wird. Damit wäre seine Erholungs- und Freizeitfunktion gefährdet.
Der Park braucht weiten Raum, so wie ihn seine Nutzer über viele Jahre gewohnt sind. Seine Identität gerät mit der geplanten Bebauung in Gefahr. Und damit auch das vielfältige urbane Leben in ihm.
Aber es gibt sie, die „Liebe“ zum Park – zehntausendfach! Sie spricht für mich noch aus dem Antrag der KDV der SPD X-Hain. Und jetzt auch aus dem Engagement der grünen Jugend X-Hain und den anderen politischen Gruppierungen, die zur Demo aufrufen.
Wie können wir diese Liebe – trotz Winter – mobilisieren und zum Widerstand motivieren?