Kommentar zum WoHo in der Schöneberger Straße

Sind 100-m-Hochhäuser das richtige Mittel gegen die Wohnungsnot?

Am Rand zum Tiergarten, am Alex, am Tempelhofer Feld, beim RAW – wie Pilze sollen die Hochhäuser aus den Boden schießen, freudig begrüßt auf den Seiten der BZ und der Immobilienportale. Das unter Bausenatorin Lompscher entwickelte Hochhausleitbild wird verwässert mit dem Ziel, weniger Nutzungsmischung, keine öffentlich zugängliche Dachterrasse mehr, weniger Beteiligung. Berlin brauche Hochhäuser, um als Weltstadt zu gelten, meint der Regierende, wenn er sich mehr New York wünscht! Und nebenbei würde ja auch das Wohnungsproblem gelöst, das ginge ja gar nicht anders bei dem knappen Boden.

Ist das tatsächlich so? Am Beispiel des geplanten „WoHo“ (Wohnhochhaus in Holzhybridbauweise) genannten Neubaus  in der Schöneberger Straße unweit des Anhalter Bahnhofs und des Tempodroms lässt sich die These überprüfen.

Das WoHo soll ein 98 m hoher Turm in der Schöneberger Straße werden, auf einem ca. 3000 m² großen Grundstück, seit Jahrzehnten genutzt als Garagenhof. Als Bruttogeschossfläche werden 24.150 m² angegeben. In dem Turm sollen auf 15.259 m² Bruttogeschossfläche (Zahlenangaben laut Durchführungsvertrag) 156 Wohnungen entstehen, jeweils zu einem Drittel freifinanziert, ein Drittel Genossenschaftswohnungen und ein Drittel Sozialwohnungen. Bei der ersten Auslegung des Bebauungsplans im Jahr 2022 sollten es noch 228 Wohnungen werden, davon 76 Sozialwohnungen.

Auf dem Rest von knapp 40% sollen entstehen: Gemeinschaftsflächen 3,8%, gewerbliche Zwecke 23,1%, sportliche Zwecke (ein Nachbarschaftsbad), 1,8 %, soziale und kulturelle Zwecke 6,7%, gesundheitliche Zwecke 3,4 %, z. B. eine Demenzwohngemeinschaft. Die Rede ist von einer Kreuzberger Mischung in vertikaler Form. (Angaben nach Vorhabenbeschreibung WoHo, Anlage 4)

Das Grundstück soll fast vollständig bebaut (GRZ=0,9 = 90% der Grundstücksfläche) werden mit 5-, 7- und 9-geschossigen Sockelbauten, aus denen dann der 28 Geschosse hohe Turm aufragen soll. Das Bauwerk soll in Holzbauweise entstehen, korrekter wäre zu sagen Holz-Beton-Bauweise, denn es wird sicherlich einen tragenden und aussteifenden Kern aus Stahlbeton geben, ganz zu schweigen vom Keller mit einigen Parkplätzen, Unterflurmüllbehältern und den Fundamenten.

Als Herr Bestgen als Vertreter des Bauherrn (UTB) das Projekt im Jahr 2024 im Ausschuss für Stadtentwicklung des Bezirks vorstellte, war sein Hauptargument: der Boden sei so teuer, da müsse man eben in die Höhe gehen. Als Referenz für die soziale Orientierung seiner Firma verwies er damals auf das von der UTB entwickelte Projekt an der Alten Mälzerei in Lichtenrade, wo eine Mischung aus Kultur und Wohnungen (1/3 Sozialwohnungen) entstanden ist, eine gute Mischung auch dank der Nachbarschaft bezirklicher Einrichtungen: VHS, Musikschule, Bibliothek (https://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/politik-und-verwaltung/aemter/amt-fuer-weiterbildung-und-kultur/alte-maelzerei/)

Kein Wort verlor Thomas Bestgen damals jedoch über das Projekt „Am Lokdepot“, das ebenfalls von der UTB entwickelt wurde. Dabei gibt es eine wichtige Parallele zwischen beiden Projekten in der Schöneberger Straße und am Lokdepot. Beide Grundstücke standen ursprünglich im Eigentum der Bahn, dann im Eigentum der aus der Bahn hervorgegangenen Immobiliengesellschaft VIVICO Real Estate GmbH, die die Grundstücke im Zuge der Finanzkrise vor ca. 15 Jahren für wenig Geld abgab. Von gleichem Zwischenerwerber übernahm die UTB dann die beiden Grundstücke. Die Kaufpreise waren vermutlich sehr gering. Das hat die UTB später nicht gehindert – ohne Rücksicht auf die Anwohner in der Eylauer Straße – am Lokdepot ausschließlich hochpreisige Wohnungen zu bauen. Und das hindert die UTB offensichtlich nicht, jetzt an der Schöneberger Straße so extrem in die Höhe zu bauen zu wollen, obwohl hier wirtschaftlich sicher andere Lösungen möglich wären. Eine solch andere Lösung hat der Dipl-Ing. Carsten Joost gezeigt, die auf ca. 9.120 m² Bruttogeschossfläche kommt.

Die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Nachbarschaft

Für den Bau des Hochhauses, scheint der Bezirk bereit zu sein, einiges zu opfern: notwendige Abstandsflächen werden verkürzt und fallen dennoch auf benachbarte Grundstücke. Es gibt eine Besonnungsstudie, die darauf verzichtet die Schattenwürfe darzustellen. Stattdessen werden Flächen an den Fassaden der Nachbarschaft mit Farben kenntlich gemacht, die Farben sollen zeigen, wie viel Stunden Besonnung die einzelnen Fassaden und Dachflächen in Zukunft bekommen. Das Wort Schatten kommt in der Begründung zum Bebauungsplan nur einmal vor und zwar im Zusammenhang mit schattenspendenden Sonnensegeln, die auf den Dachgärten möglich sein sollen. Kein Wort wird verloren über die Beschattung des nördlich liegenden Geländes der Fanny-Hensel-Grundschule. Ebenso wenig wird die Beeinträchtigung der gegenüberliegenden Bebauung, einer Wohnanlage der IBA aus den 1980er Jahren erwähnt. Dabei hat die Berücksichtigung von Licht und Sonne damals beim Entwurf der Gebäude ein wichtige Rolle gespielt:

. . . Das Energiesparkonzept sind in den Bauten des Blockes 7 umfangreich durch Einplanung von Wintergärten umgesetzt worden. In der Grundrisslösung wurde teilweise darauf geachtet, dass Zimmertüren im Flurbereich so angeordnet sind, dass sie gegenüberliegend bei geöffnetem Zustand eine Licht- bzw. Sonnendurchflutung der Wohnung möglich macht . . .“
siehe: http://f-iba.de/wohnanlage-am-mendelssohn-bartholdy-park-block-7/

Dass Hochhäuser die Windverhältnisse in ihrer Umgebung verändern, ist bekannt. Wer nun die Windkomfortuntersuchungen vom WoHo vergleicht mit den Untersuchungen zur geplanten benachbarten Urbanen Mitte im Gleisdreieck, erkennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Gemeinsam ist beiden Untersuchungen, dass sie Winde überwiegend aus westlichen Richtungen annehmen und für die Kennzeichnung Farben von BLAU = „normal“ bis ROT = „ungemütlich“ verwenden. Was sie unterscheidet, sind die Ergebnisse. Im Gleisdreieck wurde in der Windkomfortuntersuchung der Park westlich der Hochhäuser ROT markiert, was bedeutet, dass es hier ungemütlich wird, es wird zu viele, zu starke Windböen geben. Das soll beim WoHo ganz anders sein. Westlich in der Schöneberger Straße und im Mendelsohn-Bartholdy-Park soll sich gar nichts tun, alles ist BLAU markiert, so als bliebe es windstill. Kann es sein, dass ein paar hundert Meter weiter die Verhältnisse so unterschiedlich sind?

Nachhaltige Verschwendung

Der baukonstruktive Aufwand für Hochhäuser ist immens. Je höher ein Gebäude, um so tiefer die Gründung, hier wahrscheinlich 30 bis 40 m tief. Je mehr Geschosse, umso höher die Lasten, die Empfindlichkeit für Wind, um so größer der Anteil an Fläche für die Konstruktion, um so höher der Materialverbrauch und die Baukosten/pro m² Nutzfläche, um so höher das CO2, das während der Herstellungsphase emittiert wird. Dies wird auch aus an den Zahlen deutlich. Im Durchführungsvertrag wird die Bruttogeschossfläche fürs Wohnen mit 15.259 m² angegeben. Aber nur ca. 60% davon, genauer gesagt 9.712 m² (einschließlich Wintergärten) stehen laut Wohnflächenberechnung (WoFIV) vom 9.10.2025 dem Wohnen zur Verfügung. 40 % sind Konstruktionsfläche und Verkehrsfläche, zwei Treppenhäuser, drei Aufzugsanlagen und Flure. Normalerweise ist das Verhältnis Bruttogeschossfläche zu Wohnfläche 80:20.

 

Eigentlich sollte hier ein Bild den Grundriss des 11. Geschoss’ in dem Turm zeigen. Die UTB Projektmanagement hat leider die Zustimmung zur Veröffentlichung nicht gegeben – trotz dreimaliger Anfrage per E-Mail. Das Bild sollte einen typischen Grundriss in dem Turm zeigen. Es handelt sich um ein Quadrat von 24,52 m Seitenlänge. Im Inneren gibt es einen Kern mit zwei Treppenhäusern, drei Aufzügen und vier Fluren, die mit Türen voneinander abgeschottet werden. Der Grundriss zeigt deutlich den extrem großen Aufwand an Fläche, die für die Erschließung benötigt wird. Die fünf Wohnungen sind in  die vier Himmelsrichtungen orientiert, wobei eine kleine Wohnung nur Richtung Askanischen Platz schaut. Die anderen vier sind etwas größer und haben jeweils zwei Orientierungen, da sie jeweils an den Ecken sitzen.

Auch im Betrieb werden Energieverbrauch und Kosten sehr hoch sein. Ein Aufzug in einen Gebäude mit der Berliner Traufhöhe von 22 m wird so ca. 4-5.000.- € Betriebskosten im Jahr verursachen. Wie viel mehr werden es sein, wenn die Lasten fünf mal höher gestemmt werden müssen? Dazu kommen stromverbrauchende Druckerhöhungsanlagen zum Wassertransport in die Höhe, hoher Bedarf an energieaufwändiger Klimatisierung.

Die Nachteile für die Umgebung liegen auf der Hand. Die Energieverschwendung im Bau und Betrieb sind offensichtlich. Warum wird das im grün regierten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg von den Verantwortlichen nicht gesehen? In der Begründung zum Bebauungsplan auf Seite 49 heißt es:

. . . Mit dem Vorhaben kann eine dezidierte Antwort auf die aktuelle Wohnungsdebatte gegeben werden. Das Hochhaus als vertikales Stadtquartier kann als stadtweites Symbol und Leuchtturmprojekt für eine alternative Wohnungspolitik gesehen werden. . .“

Weil es ein Symbol ist! Ist das WoHo tatsächlich eine dezidierte Antwort auf die Wohnungsdebatte? Wenn wir jährlich 10.000 neue Wohnungen brauchen, müssten jährlich 66 Türme gebaut werden. Bis zum Jahr 2035 müssten also 660 solche Türme gebaut werden. Wo sollen die stehen? Es ist völlig klar, dass das unrealistisch ist.

. . . Das Hochhaus hat immer fasziniert. Es war stets irrational, mit ganz wenigen Ausnahmen. Die meisten Hochhäuser sind nicht gebaut worden, weil man sie brauchte, sondern weil man sie wollte . . . “
https://www.derbund.ch/das-hochhaus-war-stets-irrational-804077011578

Der Satz stammt von Vittorio Magnago Lampugnani, ehemals Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt. Er trifft wohl den Kern der Sache.

Der Bauherr will das Hochhaus. Ihm winkt ein riesiger Gewinn an vermarktbarer Fläche auf einem Grundstück, das vermutlich nur wenig gekostet hat und es wäre ein Gewinn für ihn an Reputation als durchsetzungsstarker Macher.

Für die Grünen im Bezirk soll es Leuchtturmprojekt sein, mit dem sie zeigen wollen, dass sie die Wohnungsnot innovativ angehen. Endlich, nach langer Zeit, in der sie immer wieder zähneknirschend schlechte Bauprojekte durchwinken mussten, hätten Sie nun eine Möglichkeit zu gestalten, endlich etwas Gutes zu tun. Dafür nehmen sie einiges in Kauf. Denn der Satz aus dem Antrag der Grünen mit der Überschrift „Gegen den Hochhaus-Wahn im Friedrichshain (DS/1746/VI)“ trifft im Grunde auch im Kiez zwischen Gleisdreieck und Askanischem Platz genauso zu:

. . . Die geplanten Hochhäuser mit Höhen von über 120 bzw. 140 Metern würden den Charakter des Rudolfkiezes und des Rudolfbandes massiv verändern. Sie übersteigen deutlich die Maßstäbe, die für das Gebiet bislang gelten, und gefährden damit das städtebauliche Konzept, den Denkmalschutz sowie die gewachsene Kiezstruktur . . .

Gibt es Alternativen zum WoHo? Ja, nicht nur die oben erwähnte Planung von Carsten Joost. In der Umgebung gibt es weitere Potentiale, zum Beispiel an der Ecke Schöneberger/Luckenwalder Straße. Das etwas über 3000 m² große Grundstück wird zur Zeit genutzt als Abstellplatz für DHL-Lastwagen und es gehört dem Land Berlin. Hier könnte eine städtische Wohnungsbaugesellschaft oder eine Genossenschaft rund 80 bezahlbare Wohnungen bauen ohne über die Traufhöhe der benachbarten Gebäude hinauszugehen.

Als Download steht hier die sehr lesenswerte Stellungnahme der Anwohnerinitiative aus der Schöneberger Straße zur Verfügung. Die Stellungnahme wurde im Dezember den Mitgliedern des Stadtentwicklungsausschuss Friedrichshain-Kreuzberg zugesandt. Der Text ist folgendermaßen gegliedert: 1.) Fehlende Transparenz, 2.) Fehlender Brandschutz, 3.) Fehlende Nachhaltigkeit

Quellen:

 

Ein Kommentar zu “Sind 100-m-Hochhäuser das richtige Mittel gegen die Wohnungsnot?

  1. Genau … Hauptsache Berlin bleibt weiterhin Provinz um jeden Preis 😄 diese Verhinderungsargumentation führt nur weiter zu steigenden Preisen und das Aussterben der Innenstadt. Weiter die Realität ausblenden bringt doch nichts! Anpassen ja – kaufmännisch verträgliche Quoten ok. Aber Investoren aus Berlin verscheuchen und den Wohnungsbau zu Erliegen bringen: NEIN, liebe Freunde! Mal entspannt drüber nachdenken und nicht immer nur „mimimi …“

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