Fluch oder Segen

Escooter im Gleisdreieck-Park?

Dahingleiten, aufrecht stehend, ohne Kraftanstrengung den Fahrtwind genießen und in die Landschaft schauen, – ein wunderbares Gefühl. Wenn dann die nötige Energie auch noch aus „Erneuerbaren“ statt aus der Braunkohle stammt, scheint alles gut. Seit ein paar Tagen stehen Anbieter von Escootern an Eingängen zum Gleisdreieck-Park, um die die neuen Geräte zu verleihen. Aber ist der Park der geeignete Ort für die ersten Fahrten mit dem Escooter?

Die Grün Berlin GmbH ist der Meinung, dass Escooter und Fahrräder gleichgestellt seien. Somit wäre das Fahren mit Escootern im Park zulässig. Man könnte die Rechtslage jedoch auch anders sehen. Das neue Gesetz für Escooter besagt, dass Escooter auf Fahrradwegen fahren dürfen. Die Wege im Park sind jedoch keine Fahrradwege. Es sind Gehwege, an denen überall steht:

„Fahrradfahren erlaubt – Fußgänger haben Vorrang“.

Die überwiegende Anzahl der Parknutzer, egal ob zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs, verhalten sich rücksichtsvoll. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen sich Fußgänger bedrängt, bzw. Fahrradfahrer ausgebremst fühlen. Durch die Nutzung der Escooter im Park ist zu befürchten, dass es vermehrt zu komplizierten und gefährlichen Situationen kommt. So zumindest lassen die Erfahrungen vermuten, die andere Städte in den letzten Monaten mit Escootern gemacht haben.

Unter dem Titel „Fluch oder Segen“ berichtet die jüdischen Allgemeine über die 10.000 Escooter die in Tel Aviv seit Anfang des Jahres unterwegs sind. Obwohl die Polizei sich kaum dafür interessiere, gab es in der gleichen Zeit weit über 10.000 Anzeigen, weil gegen alle Regeln verstoßen wird – rücksichtsloses Fahren, ohne Helm, Abstellen an ungeeigneten Orten u.a.

Escooter am nördlichen Eingang zum Westpark des Gleisdreiecks, Aufnahme von Andreas Lipka

Könnten die Probleme gelöst werden, wenn den unterschiedlichen Verkehren jeweils eigene Wege angeboten werden? Gäbe es reine Fahrradwege, dann könnten die auch die Escooter ruhigen Gewissens fahren.

Die Landschaftsarchitekten vom Atelier Loidl haben in der Planungsphase für den Park mit verschiedenen Farben für die Wege experimentiert. Die rot gefärbten Betonplatten im Ostpark waren für Fußgänger gedacht, der graue Ortbeton und der schwarze Asphalt für die Fahrradfahrer. Parallel dazu war für die Jogger noch eine dritte Spur aus Tartan vorgesehen gewesen, die dann nicht realisiert wurde. Und niemand hat je ernsthaft versucht, den Parkbesuchern das Wegekonzept kommunizieren – und wenn, es wäre erfolglos gewesen, weil Berliner sich in der Regel nicht an solche Hinweise halten.

Nur auf der langen Strecke zwischen Südkreuz und Monumentenbrücke sind die Fahrradfahrer fast allein und können die Geschwindigkeit genießen. Hier besteht de facto ein Fahrradschnellweg.

Aber nur selten lassen sich die unterschiedlichen Verkehre so dauerhaft und harmonisch – ohne gefährliche Kreuzungssituationen – trennen wie in Venedig. Im Flaschenhals und Gleisdreieckpark angekommen, werden die Kreuzungssituationen immer häufiger. Und immer wenn getrennte Verkehre sich kreuzen, entstehen besondere Gefahrensituationen. Je größer die Geschwindigkeitsunterschiede, um so gefährlicher. Das spricht gegen reine Fahrradwege, bzw. Fahrradschnellwege im Park.

Was tun?

„Fahrradfahren erlaubt – Fußgänger haben Vorrang“

Der Satz muss noch besser kommuniziert werden, das ist das wichtigste.

Dazu könnten bauliche Maßnahmen helfen:

  • die Verbindung zwischen West und Ost-Park, Verbreiterung auf 6 m ist geplant
  • der Weg über die Yorckbrücke Nr. 5 würde die bisherige Nord-Süd-Strecke entlasten
  • die Brücke über den Landwehrkanal, siehe www.mittendran.de
  • Poller und Drängelgitter an geeigneten Stellen

Update, 18.07.2019

Dass Fahrräder und Escooter im Gleisdreieck-Park gleichgestellt sein sollen, ist nicht nur eine „Meinung“ der Grün Berlin GmbH, wie ich oben im Artikel schrieb, sondern das offizielle mit der Senatsverwaltung Umwelt, Verkehr und Klimaschutz abgestimmte „Wording“. Dies wurde mir heute von der Grün Berlin GmbH mitgeteilt. Matthias Bauer

5 Kommentare zu “Escooter im Gleisdreieck-Park?

  1. Ich kann die Erfahrungen bestätigen, die die Fußgänge hier geschildert haben.
    Ich lebe oben an der Kreuzbergstrasse und nutze dort oft den Abgang in den Flaschenhals als Weg zur S-Bahn. Dort kreuzt eine Fahradrampe den Fusßweg vor einem Spielplatz. Ich warte darauf, bis der erste mit hoher Geschwindigkeit die Rampe runterrasende Fahradradidiot ein Kleinkind umfährt. Dann ist das Geschrei groß. Alle anderen Fußgänger können dort täglicfh merhrmals akrobatisch zur Seite springen.

    Es ist leider so, dass inzwischen Fahrradfahrer davon ausgehen, dass es ein Recht auf maximale Geschwindigkeit gibt. Das geht leider einher mit einem Phänomen das schon der alte Seume (Schriftsteller und militanter Fußgänger) mit dem Satz umschrieb: „Fahren verblödet.“

    Und zu Venedig.
    Die Wege sind dort mitnichten getrennt. Es gibt dort nix mit Rädern (Handkarren ausgenommen. Entweder man nutzt was, was auf dem Wasser fährt, oder man läuft. Ja, läuft. Und zwar von A nach B.

    Und wer, wie ich mal das Glück hatte, eine kurze Zeit in dieser Stadt zu verbringen, merkt, was man hier nicht mehr weiß: Geschwindigeit, Lärm und Hetze ist die schlimmste Pest des 21. Jahrhunderts. Und noch dazu eine der sich jeder freiwillig unterwirft.

  2. Für Fußgänger*innen ist der Park mittlerweile nicht mehr wirklich gedacht, die den Park für Erholung,Ruhe und Abschalten durch Spazieren oder gar Flanieren nutzen möchten. Ich kann dem Vorkommentar in allen Punkten nur zustimmen. Die Grün Berlin scheint sich in einem illusorischem rosarot Bild zu vergewissern: alles gut, alles schön, alles läuft ok; eine Farse. Laufen Sie mal die Kurven sowohl auf der Westseite beim Hellweg Markt als auch auf der Ostseite bei dem Bahntunnel/Station entlang – man ist konstant gezwungen zur Seite zu springen, angeklingelt zu werden oder rasant mit 20cm Abstand überholt zu werden. Selbst wenn man auf einer Bank sitzt, permanent saust etwas an einem vorbei. Ich finde in diesem Park nicht die Erholung, die mal großspurig für alle versprochen wurde. Der Westpark ist letztendlich zum Vorhof für Eigentumswohnungen geworden und zu einer HalliGalliEventwiese, auf der jeden Meter ein anderes Soundsystem sein Revier abbasst. Als Anwohner*in kriegt man als Abschluß des Tages bzw. in Sommernächten grölend, schreiend, Ball dribbelnd, auch mal Trommel schlagende, Bassbox spielende unter seinem Schlafzimmerfenster entlanglaufende Millenials präsentiert. Hier ist das nächste Mauerparkding entstanden : nonstop Party – so wie Berlin in der ganzen Welt beworben wurde und wahrscheinlich auch noch wird.
    Mittlerweile freut man sich absurderweise auf die Schlechtwettertage, weil man da ganz entspannt in Ruhe spazieren und den Krähen beim Nahrungssuchen zuschauen kann. Auch wir wollen von hier nach über 15 Jahren wegziehen, denn das, was sich hier abzeichnet, bedeutet keine Verbesserung der Lebensqualität.

  3. Aus regelmässiger Fußgängersicht:

    Zumindest zu bestimmten Zeiten ist aus meiner Sicht das Konzept des rücksichtsvollen Miteinanders gescheitert. Und zwar schon ohne eScooter.

    Ich habe als Fußgänger keinen Vorrang, das ist eine Illusion. Ich muss am Rand laufen und zwar wie auf Schienen. Wenn ich die Seite wechseln will, muss ich nach hinten gucken und warten bis der Radfahrerpulk vorbei ist.

    An den Kreuzungen nehmen sich die Radler das Recht des Stärkeren, keiner bremst oder lässt mich freiwillig passieren.

    Die Rampe vor der Hornstrasse benutze ich schon nicht mehr, weil ich zu oft rüde weggeklingelt und abgedrängelt wurde.

    Jetzt höre ich mit Erschrecken, dass sowohl Grün Berlin als auch die Verwaltung die Nutzung von eScootern offenbar für rechtlich unbedenklich hält.

    Gegen diese Sicht spricht für mich vor allem eins:
    Die Dinger fahren konstant 20 km/h, eine Reduzierung auf Schrittempo ist bei den Scootern die ich betrachtet habe kaum machbar. Es gibt zwar ne Bremse, aber da konstant zum Beispiel 10 km/h zu fahren müsste man immer „Stotterbremse“ fahren.

    Bei einem gemischten Rad- und Fußverkehr müsste der Radfahrer – und damit auch der gleichgestellte Scooter – aber gemäß der derzeitigen Rechtssprechung in absehbaren Konfliktsituationen auf Schrittgeschwindigkeit reduzieren und jederzeit bremsen können. Macht zwar auch so gut wie keine Radler, aber theoretisch ist es machbar. Beim Scooter geht das so nicht.

    Ich bin in den letzten zwei Wochen schon mehrmals von Scootern umkurvt worden. Es ist einfach ein Scheissgefühl wenn jemand mit fünffacher Geschwindigkeit (Fußgänger 4 km/h, Scooter 20 km/h) fast lautlos plötzlich unter einer Armlänge Abstand an Dir vorbeizieht.
    Als Radler wäre es so als würde Dich ein PKW mit 100 km/h überholen.

    Meine ältere Nachbarin traut sich nur noch in den ganz frühen Morgenstunden (vor 7 Uhr) in den Park, weil sie Angst vor einem Sturz hat.

    Für mich wird der Park in den letzten Jahren immer mehr umgewidmet: Aus einer wertvollen Naherholungsfläche mit Platz für Spiel und Sport wird immer mehr eine Verkehrsfläche und Partyzone.

    Sehr schade das. Tangiert mich aber nur noch paar Monate, dann ziehe ich raus mit richtig Natur vor der Tür *hurra*

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