Das Buch zum Park

Gleisdreieck – Parklife Berlin

Gastbeitrag von Alexander Schneider
mit freundlicher Genehmigung von Bauwelt+

Das Gleisdreieck – eine Entwicklung vom umtriebigen Bahngelände zum Leckerbissen für Brachflächenromantiker und Stadtnaturliebhaber. Umkämpft von Aktivisten, ein Ort der Inspiration für Künstler, Schriftsteller oder Filmemacher, aber auch Filetstück mit großen Potenzialen für die Berliner Stadt- und Grünflächenentwicklung. Über dem Gleisdreieck im Herzen Berlins schwebt seit jeher ein besonderer Geist. Die Landschaftsarchitekten des Atelier Loidl und die jahrelange, willkommen geheißene Bürgerbeteiligung haben die Brache zu einem lebhaften Ort mit hoher Akzeptanz in der Bevölkerung gemacht. Viele Meinungen und noch mehr eigene Erfahrungen mit dem Areal prägten den Diskurs, ehe der Park am Gleisdreieck, wie er heute ist, entstand.

Genau da setzt das gelungene Buch „Gleisdreieck/Park Life Berlin“ von den Herausgeberinnen Andra Lichtenstein und Flavia Alice Mameli an. Sie beschäftigten sich weniger mit der (Landschafts-)Architektur, vielmehr steht das Leben rund um den Park im Vordergrund. Wer ein typisches Architekturbuch sucht, wird nicht fündig. Es ist mehr eine Kultur- und sozialwissenschaftliche Annäherung und Aufarbeitung des Parks, seiner Geschichte und der Menschen, deren Leben das Gleisdreieck prägte.

Es ist jener „Geist des Ortes“, der vor allem in aufschlussreichen Interviews immer wieder deutlich herausgearbeitet wird. In den Themenspektren Ort der Inspiration, Ort der Transformation und Ort der Bürger werden interessante Gespräche unter anderem mit dem Berliner Künstlerurgestein Ben Wagin und den Landschaftsarchitekten des Atelier Loidl geführt, die dem Buch eine besondere Authentizität verleihen. Atmosphärische Fotostrecken von damals und heute sowie lesenswerte Essays unterschiedlicher Autoren vervollständigen den aufwendig gestalteten Sammelband, der durchgängig zweisprachig in Englisch und Deutsch ist.

Alexander Schneider

GLEISDREIECK – PARKLIFE IN BERLIN
Herausgegeben von Andra Lichtenstein und Flavia Alice Mameli
288 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Text Deutsch/Englisch,
34,99 Euro
Transcript Verlag, Bielefeld 2015
ISBN 978-3-8376-3041-1

Internetseite zum Buch „Gleisdreieck – Parklife Berlin“

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Doppelseite aus dem Buch mit einem Foto von Lorenzo Pesce

Weitere Bilder von Lorenzo Pesce auf der Internetseite des Fotografen

 

Angekommen in der Betriebsphase des Parks

von Matthias Bauer

Ich bin froh, das dieses wichtige Buch nun auch auf diesen Seiten gewürdigt wird – durch einen Gastbeitrag.

Im folgenden trotzdem noch ein paar Worte zur Bedeutung des Buchs und ein kleiner Ausblick auf die nähere Zukunft des Parks, aus Sicht eines Beteiligten, hoffentlich nicht Betriebsblinden.

Der Erfolg des Gleisdreiecks seit der Eröffnung des Ostparks in 2011 hat alle überrascht, die an der Entstehung des Parks mitgewirkt haben. Die, die das Gleisdreieck nun erstmals erleben, sind durchwegs begeistert.

Manche jedoch, die die alte Brache liebgewonnen hatten, sehen das Gleisdreieck mit gemischten Gefühlen, trauern dem Verlorenen noch wehmütig nach. Der Umgang mit den historischen Spuren und der liebegwonnenen Vegetation war oft schwer zu ertragen. Ebenso die uninspirierte Ausweisung der Bauflächen durch den städtebaulichen Vertrag von 2005, die besonders für den Westpark eine große Beschränkung bedeutet.

Mit Emotionen könne man schlecht planen, war die Haltung der „Professionellen“. Doch ohne die Emotionen, ohne die Liebe zum Gleisdreieck mit seiner Mischung aus wild gewachsenem Grün und Techniklandschaft wäre die Parkidee nicht entstanden,  gäbe es den Park heute nicht. „Willkommen“ wie Alexander Schneider in der Bauwelt schreibt, war die Bürgerbeteiligung sicher nie. Aber es ging nicht, die eigentlichen Ideengeber an der Realisierung nicht zu beteiligen. Die Jahre 2007 bis zur Eröffnung des Ostparks 2011 waren geprägt von sehr harten Auseinandersetzungen. Die damals gefundenen Kompromisse machen heute den Park aus. Mit den Jahren weicht die Wehmut langsam – auch meine – jedoch dem Stolz auf das, was wir erreicht haben.

Die Geschichte ist noch nicht zu ende. Wir sind angekommen in der Betriebsphase des Parks.

Die Entwicklung des Parks wird von einem Nutzerbeirat begleitet, in dem gewählte Anwohnervertreter*innen zusammensitzen mit der Grün Berlin GmbH, mit Vertretern der angrenzenden Bezirke und der Senatsverwaltung. Dazu kommen Vertreter der Quartiersräte Schöneberger Norden und Magdeburger Platz, sowie der Kleingärtner, des Rosenduftgartens, des Baumarktes Hellweg u. a. Die Fragen, die dort besprochen werden, zeigen, wohin es geht: Ist der Sicherheitsdienst ausreichend? Wie Umgehen mit Drogen ? Mit Nacktheit ? Wo ist Platz für einen weiteren Gemeinschaftsgarten ? Obwohl alle dafür waren, blieb die Suche erfolglos ! Das ökologische Pflegekonzept, zunehmende Nutzung bei gleichzeitig nachlassender Pflege, die Vergrößerung des Hundeauslaufes, die stockende Sanierung der Yorckbrücken. Graffiti –  50.000.- € gibt die Grün Berlin jährlich zur Beseitigung aus. Aber gehört Graffiti nicht auch dazu ? Sollte es nicht mehr Stellen geben, an denen Grafitti toleriert wird ? Die Konflikte zwischen schnellen Radlern und langsamen Fußgängern, immer wieder der Ausfall der Beleuchtung, der Vandalismus in den Toilettenhäuschen, die Leiden der neuen Anwohner am Westpark, die auch Nachts nicht zur Ruhe kommen. Im kommenden Jahr soll eine Umfrage ermitteln, wer wie wann den Park nutzt – sehr spannend. Und wer wird den Park pflegen, wenn nach 2017 der Vertrag der Grün Berlin GmbH ausläuft? Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg die Flächen südlich der Yorckstraße, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Flächen nördlich der Yorckstraße ? Oder weiter die Grün Berlin GmbH das Ganze ?

Mit den Neubauflächen an der Möckernstraße, an der Flottwellstraße, am Parkhaus Debis und an der Dennewitzstraße wird der Park sich nochmal verändern. Vor allem die Gestaltung der Fläche am U-Bahnhof Gleisdreieck wird von großer Bedeutung für die zukünftige Entwicklung sein. Wahrscheinlich im nächsten Jahr wird es eine erneute Auslegung der Bebauungsplanunterlagen für das Projekt geben. Bekommen wir ein Stück Potsdamer Platz mitten im Park? Ich hoffe, dass die Beteiligung der Öffentlichkeit – der Anwohner und der Parkbesucher  – an dieser Planung vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ernst genommen und angemessen berücksichtigt wird.

 

 

 

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