Grünzug Wannseebahn auf Eis gelegt,
Zugang vom westlichen Vorplatz der Yorckbrücken in den Westpark gestrichen

Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg cancelt Schöneberger Schleife

Als Bahngelände wirkte das Gleisdreieck wie ein Loch im Straßennetz, das zu weiten Umwegen zwang. Als Park schafft das Gleisdreieck neue Verbindungen im Grünen für Radler und Fußgänger. Dies macht einen Teil des Erfolgs aus, der täglich zu erleben ist auf dem Nord-Süd-Weg, auf dem Mitteplatz unter U1 im Westpark, an der Monumentenbrücke. Manche Verbindungen sind nicht ideal gestaltet, wie z. B. die Richtung Anhalter Bahnhof/Tempodrom. Es gibt jedoch noch Verbindungen, die überhaupt fehlen. Die wichtigsten Missing Links :

  • Vom Westpark des Gleisdreiecks barrierefrei über die Kanaluferstraßen und Kanal hinweg zum Tilla-Durieux-Park Richtung Potsdamer Platz
  • Vom Westpark über die Yorckbrücke Nr. 1 hinweg in den Wannseebahngraben sowie zum westlichen Vorplatz der Yorckbrücken

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Auf der Infoveranstaltung am 3. 11. 16 zum Programm Stadtumbau West im Rathaus Schöneberg sollte es nun um die Flächen südlich des Westparks gehen. Der aktuelle Planungsstand für den westlichen Vorplatz der Yorckbrücken und für den Grünzug entlang der Wannseebahn wurde vorgestellt.

„Der Grünzug im Wannseebahngraben liegt auf Eis“

So lapidar beschrieb die Vertreterin des Bezirksamtes, Birgit Hoffmann, die Lage. Zwar seien Gestattungsverträge zwischen Bezirk und Bahn ausgehandelt und unterschriftsreif, aber die Bahn sei zur Zeit nicht bereit, die Flächen zur Verfügung stellen, die langfristig für die Wiederherstellung der „Stammbahn“, also der Regionalbahn nach Potsdam benötigt würden. Die Verträge mit den Planern seien gekündigt.

Wenn das Projekt wieder aufgenommen würde, führt Frau Hoffmann aus, müsse auch der Beschluss des Verwaltungsgericht vom 24. September 2015 beachtet werden, nachdem nicht einfach abgeholzt werden darf, ohne dass die Eingriffe bewertet und entsprechend ausgeglichen werden – für das Bezirksamt offensichtlich eine neue Erkenntnis.

Die Erwähnung des Gerichtsbeschlusses war der einzige Hinweis des Bezirksamtes auf den Konflikt um den Crelle-Urwald in den Jahren 2014 und 2015.

Zur Erinnerung: Im Bereich des Crellemarktes ist das Bahngelände etwas breiter, hier sollte der Weg von der direkten Linie abweichen und verschwenkt werden, so dass er mitten durch den Crelle-Urwald geführt hätte, während er südlich und nördlich auf der zukünftigen Trasse der Stammbahn verlaufen sollte. Die Anwohner_innen wehrten sich damals gegen diese nicht rational nachvollziehbare Planungsentscheidung, für die ca. 90 geschützte Bäume geopfert werden sollen. Bei einem gradlinig geführten Weg hätte die Vegetation vollständig erhalten bleiben können. Die grün geführte Bezirksverwaltung war jedoch entschlossen, die Debatte mit der Motorsäge zu beenden. Erst im letzten Moment konnten die Baumfäller durch eine Klage des BUND gestoppt werden, die dann im September 2015 zu dem oben erwähnten Beschluss des Verwaltungsgerichtes geführt hat.

Der Bezirk will nun das Bebauungsplanverfahren für den Crelle-Urwald weiterführen, auf der Fläche sollen u. a. Spielflächen ausgewiesen werden, die Auslegung des Bebauungsplan könnte im kommenden Jahr stattfinden – jedoch ohne Berücksichtigung der ursprünglich gedachten Wegeverbindung.

Was war der Grund für das Veto der Bahn gegen den Fußgänger- und Fahrradweg?

Den Vorbehalt, dass die Flächen wieder an die Bahn zurückfallen sollen, wenn diese die Stammbahn wieder aktivieren möchte, gab es ja auch schon zu vor. Auch das Argument, dass ein funktionierender Fahrradweg schwer wieder in eine Bahnstrecke zurückzuverwandeln sei, gab es schon zuvor.

Doch zuvor war dies kein Hinderungsgrund für die Bahn gewesen, die Flächen temporär zur Verfügung zu stellen. Warum die Bahn plötzlich eine andere Haltung einnahm, darüber kann man nur spekulieren.

  • War es die Debatte um den Fahrradschnellweg entlang der Trasse bis nach Zehlendorf?
  • War die Bahn den Konflikt am Crellemarkt leid? Die von Vertretern der Bahn vorgetragenen Sicherheitsbedenken waren nicht nachvollziehbar, was zu diversen Spekulationen über die eigentlichen Günde hinter den Sicherheitsbedenken führte. Auch auf Nachfrage war die Bahn damals nicht in der Lage zu erklären, warum das Nebeneinander von Weg und Kabelkanal auf den 200 m entlang des Crellemarkts zu gefährlich sei, obwohl das auf den südlich und nördlich anschliessenden Strecken nicht als Problem gesehen wurde.
  • War es die Tatsache, das der Bau der Stammbahn nun doch schneller kommt? Nun ist von einem Zeithorizont von 20 Jahren die Rede. Schade, denn auch für diesen Zeitraum hätte sich die Nutzung des Geländes lohnen können.

Bedauerlich ist auch, dass das Bezirksamt nicht über Alternativen zum Bahngelände nachgedacht hat. Wie wäre es, anstelle des Weges im Bahngelände den Straßenzug Manstein – Crelle – Langenscheidtbrücke – Czeminksi – Cherusker Straße als Fahrradstraße auszubilden? Sicher nur die zweitbeste Lösung, aber auch eine Möglichkeit, die Schöneberger Schleife zu komplettieren.

Westlicher Vorplatz der Yorckbrücken – der Zugang zum Westpark wurde gecancelt

Wegen der Planung der Stammbahn könne der Zugang von der Yorckstraße in den Westpark nicht mehr gebaut werden, so Herr Tibbe von der Gruppe Planwerk. Der Leiter des Stadtentwicklungsamtes, Herr Kroll wies darauf hin, dass das Scheitern der Planung auch mit der neuen S-Bahnlinie S21 zu tun habe, die nun früher als gedacht käme.

Was beide nicht erwähnten: Im dem Schreiben vom Oktober 2015, mit dem die Senatsverwaltung die Projekte Wannseebahn und westlicher Vorplatz der Yorckbrücken gestoppt hatte, findet sich auch folgender Satz:

„Das Teilprojekt „Zugang / Vorplatz Yorckbrücken“ soll ohne den Bau von Rampe und Treppen auf dem Bahngelände weitergeführt werden“

„Zugang . . . ohne den den Bau von Rampe und Treppen auf dem Bahngelände“ das bedeutet, dass Rampe und Treppen außerhalb des Bahngeländes, also im Straßenraum erstellt werden können, um von dort auf das ca. 4.5 m höher gelegene Bahngelände zu führen.

Nun haben wir die absurde Situation, dass Fördermittel vorhanden sind, dass die Bahn der Verwendung der Fläche zugestimmt hat, (siehe den abgeschlossenen Dienstbarkeitsvertrag hier in der Anlage), dass über die Sinnhaftigkeit des Eingangs an diesem Ort Einigkeit besteht, dass aber dennoch der Zugang zum Bahngelände und damit zum Park nicht gebaut werden soll. Wie konnte es dazu kommen?

Schon 2012 hatte die Intiativenplattform Gleisdreieck angeregt, Alternativen zum Rampe im Bahngelände zu untersuchen, wegen des großen Verlustes an Grün und weil die Rampe als klaustrophobischer Betonkanal empfunden wurde. Später kam noch das Argument mit der S21 dazu. Der Bezirk hat sich jedoch jahrelang geweigert, darüber auch nur nachzudenken. Alternativen wurden nicht untersucht.

Auf der Einwohnerversammlung im Mai 2015 wurden dann Alternativen dargestellt, die grünschonend und kompatibel mit den Planungen für die neue S-Bahn S21 waren: Treppen, Aufzugsanlage, bzw. eine Rampe außerhalb des Bahngeländes.

Die Gegenstrategie des Bezirks und der Planer auf der Einwohnerversammlung war ganz simpel : auf die Pro-Grün-Argumente und auf die Argumente gegen die Betonschlucht gingen sie einfach nicht ein. Und auf das Argument mit der S21 hatten sie eine einfache Antwort. Es sei noch völlig unklar, ob und wann die S21 gebaut würde, behauptete Herr Wohlfarth von Alm, als Vertreter des Senatsverwaltung auf der Versammlung. Nur, Herr Wohlfarth von Alm ist bei der Senatsverwaltung für Straßenbau zuständig, nicht für Bahnplanung. Alle – die Stadträtin, der Leiter des Stadtentwicklungsamtes, der beauftragte Planer wussten das. Sie wussten auch, dass die Behauptung des Herrn Wohlfahrt von Alm nicht stimmte. Dennoch hielten sie sich an diese Sprachregelung, da sie glaubten, so das umstrittene Bauwerk durchsetzen zu können.

Nach der Einwohnerversammlung wurde dann doch still und heimlich umgeplant. Im Oktober 2015 präsentierte Herr Tibbe im Bezirksamt Kreuzberg (auf dessen Gebiet die Rampe gebaut werden sollte) eine veränderte Planung, die kompatibel mit der S21 sein sollte. Neben der S21 ist jedoch nur begrenzter Platz. Beides, die Rampe und der Weg vom Westpark Richtung Yorckbrücke Nr. 1 und Wannssebahn passen nicht nebeneinander hin.  Herr Tibbe und das Bezirksamt entschieden sich für die Rampe und gegen den Weg.

Das Absurde an dieser Planung war, dass man damit zwar barrierefrei von der Yorckstraße in den Westpark hätte kommen können, aber Richtung Wannseebahn hätte man das Fahrrad die Treppe hoch tragen müssen. Wer aus dem Westpark Richtung Wannseebahn hätte fahren wollen, hätte nicht direkt über die Yorckbrücke Nr. 1 weiter in den Grünzug der Wannseebahn rollen können. Er hätte erst die Rampe zur Yorckstraße hinunterfahren müssen und dann das Fahrrad 4,5 m hoch tragen müssen! Eine lupenreine Schildbürgerplanung! Stadtrat und rot-grüne BVVler im Kreuzberger Ausschuss fanden trotzdem alles super. In über 20 Jahren Bürgerinitiativarbeit habe ich es nie so deutlich erlebt, wie parteipolitische Verbundenheit realitätsblind macht.

Ein paar Tage nach der bizarren Vorstellung im Kreuzberger Ausschuss kippte die Senatsverwaltung die Planung. Hauptargument : die Nachhaltigkeit. Für ein Bauwerk, das weniger als 10 Jahre Bestand habe, dürfe nicht soviel Geld ausgegeben werden.

Ein Zugang vom westlichen Vorplatz der Yorckstraße in den Gleisdreieck-Park ist nach wie vor möglich. Nur : die Stadtplaner des Bezirksamtes müssten bereit sein, Ideen aufzugreifen, die von außen kommen.

Der Plan für den westlichen Vorplatz der Yorckbrücken vom 3. 11. 16

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Aufnahme vom 3. 11. 16 im Rathaus Schöneberg. Auf den Seiten des Bezirksamtes ist der Plan leider nicht zu finden.  Die Zahlen wurden nachträglich eingesetzt, um den Plan leichter erklären zu können.

Die Legende zum Plan für den westlichen Vorplatz der Yorckbrücken vom 3. 11. 16

  1. Anlage von Stellplätzen
  2. Wegfall von Stellplätzen
  3. Fällung von drei Bäumen und diversen Büschen
  4. Verschiebung des Klohäuschen Richtung Yorckstraße
  5. Anlage von Terrassen
  6. Der Vorgarten verschwindet unter Natursteinpflaster. Laut Herrn Tibbe (Gruppe Planwerk) sei es ja nur eine Baumscheibe, die da von einer Anwohnerin gepflegt wird.
  7. Höhenunterschied von 80 cm mit fünf Steigungen in einer Feuerwehrzufahrt! Laut Herrn Tibbe (Gruppe Planwerk) sei dies mit der Feuerwehr abgestimmt.
  8. Reduzierung der Yorckstraße um eine Fahrbahn
  9. Verkleinerung der Mittelinsel
  10. Verlegung der südlichen Fahrbahnen etwas nach Norden
  11. Vorbau des Bürgersteige Manstein/Yorckstraße
  12. Anlage von Stellplätzen in der Mansteinstraße

Der Vorgarten an der Ecke Yorckstraße/Bülowstraße

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Die Aufnahme vom 5. 11. 16 zeigt den Vorgarten an der Ecke Yorckstraße/Bülowstraße, der seit Jahren von einer Anwohnerin gestaltet und gepflegt wird. Auf der Veranstaltung am 3. 11. 16 im Rathaus behauptete Herr Tibbe (Gruppe Planwerk), das sei ja nur eine Baumscheibe, die die Anwohnerin pflegen würde. Offensichtlich hat Herr Tibbe den Vorgarten vor Ort gar nicht wahrgenommen.

Alternativen für den Zugang ins Bahngelände, die auf der Einwohnerversammlung am 27. 05. 2015 vorgestellt wurden

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Erster Schritt: Anlage von Treppen
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Möglicher zweiter Schritt: Ergänzung der Treppen mit einer von der Mittelinsel auf die erste Yorckbrücke führenden Rampe.
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Alternativer zweiter Schritt: Ergänzung der Treppenanlage mit einer Aufzugsanlage auf der Südseite der Yorckstraße. Die Südseite der Yorckstraße ist der richtige Standort für den Aufzug. Dies wäre auch der barrierefreie Zugang zum Westpark für Besucher, die mit der U7 oder der S1 kommen. Der Aufzug ist in den Bahndamm integriert.

3 Kommentare zu “Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg cancelt Schöneberger Schleife

  1. Danke für die Planungsinfo der Schöneberger Schleife
    Die von mir gestaltete öffentliche Fläche vor dem Haus Yorckstr. kommt auch bei
    vielen Radfahrern, die extra anhalten, sowie bei den Bewohnern des Kiezes sehr
    gut an. Die zweite öffentliche Fläche in der Yorckstr. möchte ein Kindergarten
    für Gartenarbeiten nutzen. Es wäre ein Jammer, wenn hier lt. Planung eine
    Terrassenwand entstehen würde. Wir sind für den Erhalt der Gartenflächen vor der
    Yorckstr., und würden bei Bedarf auch die Unterschriften der Bewohner der
    umliegenden Häuser Ihnen zukommen lassen.

  2. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht. Das ist wirklich toll, dass du der Chronist des Ganzen bist und dass du wirklich immer am Ball bleibst.
    Ich wünsche dir, dass sich auch Erfolge ein stellen werden.

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