Gender-Wahlkrampf

SPD will Sportplatz nur für Frauen auf dem Dach des Hellweg-Baumarktes

Die SPD-Fraktion hat in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg einen Antrag gestellt, dass auf dem Fußballplatz auf dem Dach des Baumarktes Hellweg im Yorckdreieck nur noch Frauen und Mädchen spielen dürfen. Was für ein Wandel! Vor sechs Jahren war die SPD noch grundsätzlich gegen diesen Fußballplatz, heute will sie bestimmen, wer da spielen darf. Die SPD als Kämpfer für die Armen und Benachteiligten, in diesem Fall für die gendermäßig Benachteiligten?
Zur Begründung des Antrags schreibt Frank Vollmert für die Fraktion der SPD:

Die Zahl der Mädchen- und Frauenmannschaften wachsen im Bezirk . . .

Liebe SPD, was bitte sind das für Worte: Mädchenmannschaften? Frauenmannschaften? Wer gendermäßig korrekt rüberkommen will – und sei es auch nur aus Wahlkampfgründen – sollte doch etwas über unsere immer noch sehr männlich geprägte Sprache nachdenken. War wohl ein Schnellschuss, wie auch die Grammatik verrät.

Trotzdem, Danke für den Vorschlag, ergibt sich doch so die Gelegenheit zu erinnern, wie es dazu kam, dass der Fußballplatz auf dem Dach des Baumarktes landete.

Wie der Sportplatz auf dem Dach des Baumarktes landete

Seit Mitte der 1990er Jahre hatte die Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen unter dem damaligen Senator Strieder vorgesehen, die Kleingärtner vom Gleisdreieck vertreiben und an ihrer Stelle ein Vereinssportareal installieren. Im städtebaulichen Vertrag von 2005 und im Entwurf für den Bebauungsplan Gleisdreieck 2006 war dies so vorgesehen. In den Ausschreibungsunterlagen des landschaftsplanerischen Wettbewerbs für den Park 2006 waren die Kleingärten schon ausradiert. In den Plänen waren die Gärten als weiße Fläche dargestellt, in die die Wettbewerbsteilnehmer dann brav ein paar passend gemachte, nicht normgerechte Sportflächen einzeichneten.

Als dann in der Finanzkrise 2008 der Bezirk F’hain-Kreuzberg plötzlich Extra-Geld bekam, um die Sportplätze zu bauen, stellte sich heraus, dass auf der schmalen, nach Süden spitz zulaufenden Fläche der Kleingärten noch nicht einmal einer der zwei geplanten wettkampfgerechten Sportplätze hinpasste. Politik und Verwaltung fielen aus allen Wolken. Dabei hätten sie es vorher wissen können, wenn sie die Ergebnisse des landschaftsplanerischen Wettbewerbs nur aufmerksam studiert hätten.

Und es regte sich der Widerstand der Kleingärtner und der Bürgerinitiative Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck e. V. Die BI, die jahrzehntelang für den Gleisdreieck-Park gekämpft hatte, wollte nicht, dass dieser Park startet mit der Vertreibung der Kleingärtner von den 75 Parzellen und mit dem Fällen von einigen hundert Bäumen.

Der runde Tisch

Bürgermeister Franz Schulz richtet daraufhin einen Runden Tisch ein, an dem außer den Kleingärtnern und Bürgerinitiativen auch der Landessportbund, der Verband der Kreuzberger Fußballer, die Senatsverwaltung für Stadtenwicklung, die Grün Berlin GmbH, die F’hain-Kreuzberger Stadträtin für Jugend und Sport, Frau Klebba, später ihr Nachfolger Dr. Stöß teilnahmen. Im Verlauf der Sitzungen stellte sich heraus, dass der einzig physisch mögliche Standort für einen „wettkampfgerechten“ Sportplatz die große Wiese im Westpark gewesen wäre. Das aber wollten die meisten nicht. Der ganze Park wäre sonst vom Vereinssport dominiert worden.

Die Lösung des Konflikts war der Fußballplatz auf dem Dach des Baumarktes Hellweg – Danke an Franz Schulz, der diese Idee in die Runde eingebracht hatte. Der Fußballplatz auf dem Baumarkt wurde dann 2013 realisiert, während die 4 bis 6 Fußballplätze auf dem Tempelhofer Feld, die die Vertreterin der Senatsverwaltung am Runden Tisch damals den Sportverbänden versprochen hatte, bis heute auf sich warten lassen.

Der Fußballplatz auf dem Dach des Baumarktes Hellweg war also ein wichtiger Baustein für die Entstehung des Westparks, wie wir ihn heute kennen. Ohne die am Runden Tisch entwickelte Lösung wäre es kaum möglich gewesen, die Kleingärten in den Park zu integrieren, gäbe es kein Café Eule, gäbe es kaum alte Vegetation, hätte der Westpark einen ganz anderen Charakter.

Nur die Sportverbände waren nicht einverstanden. Ihr Argument: der Platz sei zu klein, er entspräche nicht den Normen des Berliner Fußballverbandes. Die Mindestmaße für Berliner Fußballplätze sind etwas größer als es die Regelwerke der Fifa, der Uefa und des DFB vorsehen. Der Platz auf dem Baumarkt ist jedoch nach den Fifa-Mindestmaßen gestaltet. Niemand werde auf dem Platz spielen wollen. Heute wissen wir, diese Prognose der Sportfunktionäre war völlig falsch. Der Platz ist ordentlich ausgelastet.

Im Sommer 2010 stimmten die Ausschüsse, dann im Herbst 2010 die BVV Friedrichshain-Kreuzberg – gegen die Stimmen der SPD – für den Erhalt der Kleingärten und für den Fußballplatz auf dem Dach des Baumarktes.

Unsportliches Nachtreten

Die Präsidenten der Landessportbunds und des Berliner Fußballverbands protestierten gegen diese Entscheidung mit einem offenen Brief an Franz Schulz. Ohne auch nur mit einem Wort die Lösung mit dem Sportplatz auf dem Dach des Baumarktes zu würdigen, warfen sie dem F’hain-Kreuzberger Bürgermeister vor:

. . . Die Verhinderung einer Sportanlage widerspricht den Interessen von Kindern und Jugendlichen vor Ort, verhindert eine wohnortnahe Sportversorgung und behindert die gesellschaftpolitisch wichtige Jugendarbeit der Sportvereine . . .“

Materialien

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Ein Kommentar zu “SPD will Sportplatz nur für Frauen auf dem Dach des Hellweg-Baumarktes

  1. Gut,nützlich und offenbar notwendig, immer mal wieder an die wechselvolle Geschichte des Gleisdreieckparks zu erinnern,zu dem auch die Kleingartenkolonie POG und das Pilotprojekt „Gärten im Garten“ und eben auch der Sportplatz auf dem Flachdach des Hellweg-Baumarktes gehören. Ohne das lang andauernde und vorausschauende Engagement der Bürgerinitiativen, der Gärtner und der AG Gleisdreieck wäre das nicht möglich gewesen. Jetzt ist es ein Erfolgsmodell, an das sich mancher heranhängen will, der uns damals Steine in den Weg gelegt hat.

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