90 Bäume vorerst gerettet

Fenster zum Crelle-Urwald

Im Sommer grün, im Winter grau-braun-schwarz-weiß-Puderzucker, jetzt im Herbst leuchten die Bäume in hellgrün, gelb, orange, rot und ocker. Die Wannseebahn bringt die Farben der Jahreszeiten in die Schöneberger Altbauquartiere. Die über einen langen Zeitraum aus den hochgelegenen Hinterhäusern an der Monumentenstraße aufgenommenen Bilder geben den Blick frei auf eine städtische Landschaft, auf eine Mischung aus natürlicher und künstlich geschaffener Topografie. Sie zeigen eine in Jahrzehnten gewachsene Vegetation, eine Schneise aus Wildwuchs zwischen den dicht bebauten Gründerzeitquartieren.

Zwar wird oft vom Grünzug im Wannseebahngraben gesprochen, die Topografie ist jedoch komplexer. Am Crellemarkt gibt es eine Stelle, an der Bahngelände und Straße sich auf gleicher Höhe befinden. Die Stelle wird zur Zeit als Baustellenzufahrt zum S-Bahnhof Yorckstraße genutzt. Südlich davon, erlebbar von der Langenscheidtbrücke, verläuft die Wannseebahn in einem künstlich hergestellten Einschnitt, dessen Böschungen vom Grünzeug überwuchert werden.
Nördlich der Baustellenzufahrt wird die Bahn zum Bahndamm, der im Bereich des Crellemarktes etwas breiter ist. Hier befand sich bis in die 1930er Jahre der Bahnhof Crellestraße, der nach Inbetriebnahme der S1 mit dem Bahnhof Yorck/Großgörschenstraße funktionslos wurde. Die Bäume dort stehen auf dem früheren Bahnsteig. Je weiter man die Crellestraße nach Norden hinunterläuft, um so höher wirken Bahndamm und Bahnsteig. Am Fuß der Crellestraße, am Durchgang der Großgörschenstraße wird das Bahngelände ganz schmal und verschwindet hinter den Häusern, überquert die Yorckstraße mittels der Yorckbrücken Nr. 1 bis Nr. 4, weitet sich dann aus zu einem künstlichen Plateau, das bis nördlich der U1 reicht und dann sanft Richtung Landwehrkanal abnimmt. Früher hieß die Fläche Potsdamer Güterbahnhof, heute wird sie Westpark des Gleisdreiecks genannt.

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Die umstrittene Passage am Crellemarkt. Erst sollte die Baustraße für den „Multifunktionsweg“ für Radler und Fußgänger zur Verfügung stehen, dann auf einmal nicht mehr.

Zurück zum Crellemarkt

Im Februar 2015 sollten 90 der auf dem alten Bahnsteig am Crellemarkt stehenden Bäume gefällt werden, für die Anlage eines „Multifunktionsweges“. Die Anwohner aus der Crellestraße sammelten über 1000 Unterschriften für das Grün vor ihrer Haustür und für eine andere, eine naturschonende Lösung. Nach ihren Vorstellungen sollte der Weg auf der Baustraße neben dem Bahnsteig gebaut werden. Es war nicht zu verstehen, dass eine solche Lösung nördlich und südlich möglich sein sollte, aber auf dem 200 m langem Abschnitt entlang des Crellemarktes nicht. Für das Fällen der Bäume war jedoch eine große Koalition im Bezirksamt. Noch vor dem Ende der Baumfällsaison am 28. Februar 2015 sollten Fakten geschaffen werden mit der Motorsäge, um die Diskussion schnell und endgültig zu beenden.

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Mansteinstraße 10 im Januar 2015

Dem BUND-Berlin ist es zu verdanken, dass die Bäume heute noch stehen. Per einstweiliger Verfügung beim Verwaltungsgericht stoppte der Naturschutzverband die rot-grünen Baumfäller aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg.

Wie gings weiter?

Die Bezirksgrünen erklärten damals, über den Sommer werde man es schon hinbekommen, die rechtlichen Voraussetzungen für das Baumfällen zu schaffen. Am 1. Oktober könne man dann endlich loslegen und die Bäume fällen. Diese Strategie ist nun jedoch gescheitert. Ende September hat das Verwaltungsgericht entschieden, dass die Bäume nicht ohne naturschutzrechtliches Eingriffsgutachten und nicht ohne die Beteiligung der Naturschutzverbände gefällt werden dürfen. Vor allem war das Gericht der Auffassung, dass der asphaltierte Multifunktionsweg keinen adäquaten Ausgleich für den Verlust der Vegetation darstelle. Wenn dort Bäume gefällt würden, müssten die an anderer Stelle neu gepflanzt werden. Das jedoch wollte sich das Bezirksamt gerne sparen.

„Nun ist das Bezirksamt gefordert, gemeinsam mit dem BUND und der DB AG, der die Stammbahntrasse gehört, eine Lösung zu finden, die die Vegetation im Wannseebahngraben schont und gleichzeitig der Bevölkerung diese grüne Oase in nicht allzu ferner Zukunft zugänglich macht.“

schreibt der BUND-Berlin in der letzten Ausgabe der BUND-ZEIT. [ „Nur Natur kann Natur ersetzen“, BUND-ZEIT-Okt-2015, PDF-Dokument]
Könnte jedoch sein, dass es zu den Gesprächen um eine naturschonende Lösung gar nicht mehr kommt. Denn inzwischen stellt sich heraus, dass die Überlassung von Bahnflächen für die Schöneberger Schleife noch gar nicht so fest vereinbart war, wie das Bezirksamt es immer dargestellt hat. Verträge für den Bereich der Wannseebahn wurden offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Lediglich ein „Letter of Intent“ ist im Juni 2015 zwischen der Deutschen Bahn und dem Bezirk Tempelhof-Schöneberg unterzeichnet worden sein, im dem man sich gegenseitig erklärt hat, über die Verwendung von Flächen im Wannseebahngraben verhandeln zu wollen.
Und der Berliner Konzernbeauftragte der Bahn, Alexander Kaczmarek hat im Gespräch mit den Potsdamer Neuesten Nachrichten, 5. 11. 15 geäußert, dass die Stammbahn von Berlin, Potsdamer Platz über Zehlendorf und Kleinmachnow nach Potsdam viel früher als angenommen reaktiviert werden könnte. Das wäre dann das Aus für die Schöneberger Schleife, wie sie vom Bezirksamt gedacht war. Denn über alternative Trassenführungen hat das Bezirksamt bisher nie nachdenken wollen.

Stellt euch vor, die Bäume am Crellemarkt wären im Februar 2015 gefällt worden – für nichts! Das Bezirksamt und die rot-grünen Möchtegern-Baumfäller sollten sich bei den Anwohnern der Crellestraße und beim BUND-Berlin bedanken, dass es soweit nicht gekommen ist.

Nachtrag 6. 11. 15

Auch die SPD-Schöneberg berichtet, dass die Planungen für die Schöneberger Schleife gestoppt seien, bis die Senatsverwaltung die Frage der Bahnnutzung geklärt habe. Sollten die Flächen jedoch zur Verfügung stehen, würde man das Projekt so wie bisher geplant durchziehen. Kein Wort verliert die SPD dabei über das Urteil des Verwaltungsgerichts, nach dem die Planungen in der vorliegenden Form nicht durchführbar sind. Die jetztige Planungspause zu nutzen, um eine bessere, naturschonende Lösung für den Multifunktionsweg zu suchen, wird explizit ausgeschlossen.  Siehe: http://www.spd-schoeneberg.de/aktuell//news/7389141.html

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