„Bürgerbeteiligung“ zum Wannseebahngraben/B 7-69

Bericht von der Planwerkstatt zum Wannseebahngraben am 24.05.2014 im Rathaus Schöneberg

So wie an den Ostpark des Gleisdreiecks sich südlich der Flaschenhalspark anschließt, soll der Westpark des Gleisdreiecks südlich der Yorckstraße mit dem Grünzug im Wannseebahngraben weitergehen. Die Yorckbrücken Nr. 1 und Nr. 2 verbinden beides. Hier nun ein Bericht über die Planwerkstatt zum Wannseebahngraben von Anja Jochum aus der Crellestraße:

Am Samstag, den 25.05.14 fand die „Planwerkstatt“ im Schöneberger Rathaus statt, eine weitere Episode der einst so vollmundig angekündigten ergebnisoffenen Bürgerbeteiligung, bei der ja alles anders laufen sollte, wo wirklich einmal die Wünsche der sich an der Bürgerbeteiligung beteiligenden Bürger berücksichtigt werden sollten……

 Noch einmal zur Erinnerung:

Auftakt waren die beiden Ideenwerkstätten im September und November, bei denen sich deutlich über 90% der Anwesenden für den Erhalt der Natur aussprachen. Die teilnehmenden Bürger entsprachen möglicherweise nicht ganz den Vorstellungen des Bezirksamts, jedenfalls wurden die Ideenwerkstätten vorzeitig eingestellt.

Das anschließend auf den Bezirksamts-Seiten veröffentlichte Protokoll erwähnte mit keinem Wort, welche überwältigende Mehrheit sich für den Erhalt der Vegetation ausgesprochen hatte.

Nun rückte man Anfang Mai mit dem vorläufigen Ergebnis der Ideenwerkstätten in Form dreier möglicher Planungs-Varianten heraus.

Erstaunlicherweise waren dies zwei – für den Crelleurwald tödliche – Kahlschlag-Varianten und eine weitere (Variante I), die zwar die Vegetation weitgehend erhalten würde, aber Wünsche, wie unten nur Fußweg, oben Fahrradweg (Crelle, Langenscheidtbrücke, Czeminskistr., der sowieso gebaut wird, als Teil des Nebenroutenkonzeptes), Weg auf dem Stammbahngleis oder gar Nulllösung, nicht berücksichtigte.

Die Ausstellung im Rathaus Schöneberg zeigte 3 Plakate mit den unterschiedlichen Varianten, die dem Laien und nicht Ortskundigen von den Zeichnungen her erstmal alle gleichwertig wunderbar grün erscheinen mussten, die schriftliche Beschreibung aber, die die naturschonende Variante I begleitete, bestand fast ausschließlich aus Einschränkungen und konnte einen nur erschrecken, während die kahlste Kahlschlagvariante Nr. 3 mit vielen schönen Möglichkeiten bis hin zum „Naturerlebnis“ warb; vor soviel Zynismus muss selbst ich meinen Hut ziehen.

Auf den Kernkonflikt, der uns seit Monaten beschäftigt, dass der Bestand des Crelleurwalds gefährdet ist, wurde überhaupt nicht hingewiesen.

Dazu ein Fragebogen, welche Variante man bevorzuge.

Es war also zu erwarten, dass ahnungslose Passanten auf ihrem Weg zum Bürgeramt mehrheitlich die Variante 3 wählen würden. Und diese Rechnung ging auch erstmal auf.

Als wir am Samstag den Saal betraten, um an der Planungswerkstatt teilzunehmen, hatte das Planungsbüro schon alle bislang eingegangenen Fragebögen sauber an Stellwände geheftet, immerhin hatten sie stattliche 133 ausgefüllte Bögen mit folgendem Ergebnis:

  • Variante 1: 39 Stimmen (29,3 %)
  • Variante 2: 11 Stimmen (8,3%)
  • Variante 3: 68 Stimmen (51,1%)
  • Sonstige: 15 Stimmen (11,3%)

Dieses triumphale Ergebnis hatte man dann auch gleich dick an die Stellwand gepinnt.

Abgabetermin für die Fragebögen war allerdings erst Samstag, 12.00 Uhr, die Veranstaltung begann um 10.00 Uhr.

Von unserer Seite aus war Tilmann Heuser als Co-Moderator eingesetzt worden.

Planer Seebauer begrüßte die Anwesenden, sein Zettelchen mit dem vorläufigen Abstimmungsergebnis hoffnungsfroh in der Hand, mit diesem als Aufhänger sollte die Veranstaltung dann auch gleich begonnen werden:

Die Ideenwerkstätten seien von den Teilnehmerzahlen ja nicht „statistisch relevant“ gewesen, die Fragebogen-Aktion natürlich auch nicht, aber die Ergebnisse wolle er uns jetzt doch vorstellen.

Das war mein Stichwort, ein böses Päckchen mit Stimmzetteln, die in der letzten Woche in umliegenden Kneipen und Geschäften gesammelt worden waren, aus dem Korb zu ziehen und zu rufen : Augenblick mal, Herr Seebauer, ich habe hier auch noch über 340 Fragebögen . . .“

Hier hatte es gereicht, ergänzend zu den vorgestellten Planungsvarianten des Bezirksamtes und des Planungsbüros darauf hinzuweisen, dass sowohl für Variante III als auch für Variante II ein Großteil der vorhandenen Vegetation weichen müsste, um ein überwältigendes Mehrheits-Votum für die Variante I zu generieren.

Die anschließende Gesichter-Studie war äußerst interessant, Herr Seebauer mit flackerndem Blick und runter klappendem Unterkiefer, Frau Klotzes Gesicht schien einem geheimnisvollen Faltmechanismus zu unterliegen und fiel in sich zusammen.

 Danach sah das Ergebnis dann insgesamt so aus:

  •  Variante 1: 384 Stimmen (76,2%)
  • Variante 2: 11 Stimmen (2,2%)
  • Variante 3: 86 Stimmen (17,1%)
  • Sonstige: 23 Stimmen (4,6%)

Auf der Seite der Senatsverwaltung für Umwelt und Stadtentwicklung liest sich das nun folgendermaßen:

 “Im Rahmen der Planungswerkstatt wurden 133 Fragebögen mit Meinungen und Vorschlägen gezeigt, die bis kurz vor Ausstellungsende bei den Planern eingegangen waren. 68 der anonym Antwortenden plädierten für die Entwurfsvariante III mit dem größten Platzangebot für die NutzerInnen des Grünzugs. Gleichzeitig bedeutet Variante III aber auch den größten Eingriff in die vorhandene Vegetation. 11 mal wurde die Variante II und 39 mal die Variante I favorisiert. 15 der Antwortenden gaben kein konkretes Votum für eine Variante ab.

Eine Vertreterin der Initiative Crelle-Kiez übergab auf der Veranstaltung noch einmal zahlreiche Antwortbögen, die von der Initiative selbst gesammelt wurden. Von ihnen sprach sich eine große Mehrheit für die Variante I aus.“

„Zahlreich“ – ist das nicht toll?

Wie viele Bögen mögen das wohl gewesen sein? 25 oder so?

Und man beachte den hübschen Gegensatz zwischen „der anonym Antwortenden“ und „die von der Initiative selbst gesammelt wurden“ (von denen ja auch ein Großteil anonym antwortete)

Hat man hier nun endlich die lang gesuchte „schweigende Mehrheit“ in ihrem Versteck aufgespürt?

Danach die Präsentation durch das Planungsbüro, in der sich erneut der Eindruck verdichtete, man wolle von Bezirksamt und Planer-Seite eine Variante 3, vielleicht mit Elementen aus Variante 2, keinesfalls aber die Variante 1 oder gar noch Naturschützenderes.

Gut war auch, dass wieder neue Gesichter dabei waren, die sich beklagten, überhaupt nicht informiert worden zu sein, hätten in ihren Hauseingängen nicht die Einladungszettel der Bürgerinitiative ausgehangen. Und auch diese Leute sprachen sich für den Erhalt der Natur aus.

 Wir hatten noch etliche Fragen, hier einige Antworten:

  •  Die Finanzierung des Bebauungsplans B 7-69 beschränkt die Planung nicht auf das bezirkseigene Gelände, von daher würde also auch ein Weg auf Bahnflächen bezahlt (Bauweg/Stammbahngleis).
  •  Die Gestattungsverträge mit der Bahn sind noch nicht unterzeichnet, auch nicht für das Stück zwischen Großgörschenstr. und Julius Leber-Brücke.
  •  Baubeginn soll erst dann sein, wenn die Gestattungsverträge unterzeichnet sind.
  •  Die Variante „nur Fußweg“ kommt für das Bezirksamt nicht in Frage, obwohl im Rahmen des Nebenroutenkonzepts ein parallel laufender Radweg auf Straßenniveau errichtet werden soll.
  •  Das Bezirksamt wollte mit der Planungswerkstatt die „Bürgerbeteiligung“ beenden, es solle keine weiteren Veranstaltungen mehr geben.
  •  Es gibt noch keine Umweltverträglichkeitsprüfung.

Vorschläge von uns:

  • Falls überhaupt Multifunktions- und nicht Fußweg, warum dann nicht durchgehend das Stammbahngleis nutzen und dort, wo der unbefestigte Bauweg ja sowieso parallel läuft, den Multifunktionsweg schmaler gestalten.
  •  Zaun zur Vegetation hin nicht gerade durchziehen, sondern dort, wo keine Vegetation steht, Ausbuchtungen für Bänke/Aufenthaltsmöglichkeiten schaffen.
  •  Kein Asphalt, sondern eine wassergebundene Decke.

Ruhmreich ebenfalls die Auftritte des ADFC: Zunächst forderte ein Mitglied, man solle den „Fahrradweg“ auf 6 Meter verbreitern.

Dann Auftritt Detlef Wendtland, ADFC, der sich um Kopf und Kragen redete:

Es sei ungeheuer wichtig, dass im Wannseebahngraben eine Strecke für Fahrradfahrer geschaffen werde, damit sie sie auch mal unbehelligt von Fußgängern fahren könnten (!!??)

Tilmann Heuser vom BUND Berlin unterbrach ihn und wies darauf hin, dass auf öffentlichen Grünflächen Fahrradfahrer nur ausnahmsweise zugelassen seien, Fußgänger absolutes Vorrecht hätten und Fahrradfahrer immer Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen hätten. Daraufhin verhaspelte sich Herr Wendtland dann endgültig, kam zum Nebenroutenkonzept (Fahrradweg oben auf der Straße), auch das müsse unbedingt ausgebaut werden, um Fahrradfahrer aus dem Wannseebahngraben fernzuhalten (!!!!)

Schallendes Gelächter während dieses ganzen Vortrages, was immer er uns auch sagen wollte, nach diesem peinlichen Auftritt verschwand er und ward fortan nicht mehr gesehen…..

Frau Klotz wies noch einmal darauf hin, dass ein Ausbau des Fahrradverkehrs wichtig für den Umweltschutz sei.

In einem Akt politischer Souveränität beklagte sich Frau Klotz dann wieder einmal darüber, dass man sie immer so persönlich angreife, worauf Peter Lind gekonnt sein Mitleid ausdrückte, nur um ihr dann formvollendet noch einmal die Sünden der letzten Zeit Stück für Stück um die Ohren zu hauen, von Gasometer zu Lok-Depot, Bautzener, Crelle 22a usw.

Dann zu guter Letzt die Frage nach dem weiteren Vorgehen. Laut Frau Klotz solle nun ein „Kompromiss“ zwischen den verschiedenen Varianten erarbeitet werden, der die unterschiedlichen Bürgerinteressen berücksichtige, und dieser dann – ohne weitere Präsentation vor den Bürgern der BVV zum Beschluss vorgelegt werden.

Auf meine Frage hin, da sich ja sowohl in den Ideenwerkstätten, als auch bei den Fragebögen, als auch nun wieder in der Planwerkstatt eine überwältigende Mehrheit für den Naturerhalt ausgesprochen hätte, wo denn ansonsten noch Bürgerbeteiligung stattgefunden hätte, wo denn all die vielen Stimmen seien, die sich für die anderen Varianten ausgesprochen hätten, wusste sie keine Antwort.

Tilmann Heuser zog dann noch ein sehr schönes Fazit: Auch diese Veranstaltung habe klar ergeben, dass etwas anderes als eine modifizierte Variante 1 ja wohl kaum in Frage käme, er gehe selbstverständlich davon aus, dass die Bürgerbeteiligung noch weiter gehe, das Planungsergebnis den Bürgern erst einmal vorgelegt würde.

Daraufhin folgte eine gewisse Mimik-Gymnastik bei Herrn Seebauer und Frau Klotz, aus der klar hervorzugehen schien, dass sie genau dies absolut nicht wollten. Tilmann Heuser kündigte an, eine solche weitere Veranstaltung sonst notfalls beim BUND durchzuführen.

Auch noch bemerkenswert war der Eindruck, der bei vielen Anwesenden entstand, dass Frau Klotz und der neben ihr sitzende „6-Meter“-ADFCler jedes Mal dann hämisch-verächtliche Blicke austauschten, wenn irgendjemand von den Tieren, Kleintieren, Vögeln, Nachtigallen etc. sprach. Eine Grünen-Politikerin im Jahre 2014…..

Und es war die Tatsache, dass die BVVler, die ja dann am Ende über das Projekt entscheiden werden, durch Abwesenheit glänzten.

Es stellt sich hier die Frage: Mit welcher Rechtfertigung könnten die Fraktionen in der BVV – und insbesondere die Fraktion der „GRÜNEN“ – für eine Planungs-Variante stimmen, die die Vernichtung des Naturlebensraumes „Crelleurwald“, bedeuten würde, wenn es doch Varianten gibt, bei denen dieses innerstädtische Biotop erhalten bliebe?

 Zusammenfassend bleibt zu sagen:

Dass Planer und Bezirksamt eine eher jämmerliche Performance hinlegten.

Dass die Suche nach der „schweigenden Mehrheit“, die die Abholzung und den versiegelten Designerpark möchte, offenkundig wohl erfolglos blieb. Oder stellt sich am Ende heraus, dass die „schweigende Mehrheit“ überwiegend aus Bezirksamtsmitgliedern und Bezirksverordneten besteht?

Dass aber dennoch der Eindruck entstand, man sei auf Bezirksamtsseite – mit Ausnahme von Stadtrat Krüger, der sich bereits bei der Ausstellungseröffnung Anfang Mai für die Variante 1 aussprach, dies aber bei der Planungswerkstatt nicht mehr offen aussprach – bereit, sich die Blöße zu geben, die gesamte Bürgerbeteiligung in den Orkus zu schütten und ohne Ansehen des Willens der Bürger in der BVV zu beschließen, das zu bauen, was man von Anfang an bauen wollte – und den Crelleurwald platt zu machen.

Selbst auf die Gefahr hin, dass man auch dies dann wieder nur mit großem Polizeiaufgebot durchsetzen kann . . .

Meldung aus dem Tagesspiegel vom 26.05.: Handgranatenfund im Wannseebahngraben . . .

Und noch eine Meldung von der BVV-Fraktion vom 19.05:

„Bezirksverordnete pflanzen Baum in Marienfelde
Nach dem Naturlauf in Marienfelde am letzten Samstag unter der Schirmherrschaft und Beteiligung von Jörn Oltmann, Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN in der BVV, ließen es sich die grünen Bezirksverordneten Jörn Oltmann und Martina Zander-Rade nicht nehmen, gleich danach noch den Baum des Jahres vor Ort zu pflanzen.“

Berlin, den 29.05.2014,

Anja Jochum

Nachtrag, 01. 06. 14, Bilder aus dem Crelleurwald

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3 Kommentare zu “Bericht von der Planwerkstatt zum Wannseebahngraben am 24.05.2014 im Rathaus Schöneberg

  1. Danke für die ausführliche Beschreibung! Ich finde, dass hier ein Kernziel umweltgerechter Stadtplanung zu abschätzig behandelt wird: Die Bekämpfung der Automobilität. Die Senkung der Barrieren sich für Alltagswege aufs Rad zu setzen. Für alle, auch für Zehlendorfer, die nach Pankow wollen. Das muss unser aller Ziel sein, damit sich durch den Abbau der Blechlawine überall in der Stadt mehr Freiräume für Mensch und Natur ergeben. So verstehe ich die Haltung von Fr. Klotz und die des ADFC, bitte nicht lächerlich machen! Das wird nur zu machen sein, wenn man per Fahrrad besser durch die Stadt kommt. Die Situation zwischen Langenscheidt- und Goebenstraße und darüber hinaus bis zum Bülowbogen ist momentan für Radfahrer/innen schlecht (Markt, Straßenbelag, Einbahnstraßen im Bereich Bülowstr. etc.) und muss dringend verbessert werden. Auch die Radler wollen die Stadtnatur erhalten. Baut den Weg so nah an den Gleisen wie möglich, ohne weitere Spielplätze etc., nicht breiter als nötig – aber baut ihn so, dass er neue Alltagsradler in ganz Südwestberlin produziert, die ihre Autos stehen lassen oder abmelden. Lasst den Wald in größtmöglichem Umfang stehen. Aber bitte reduziert diese Fragen nicht auf Naturerfahrung von Fußgängern vs. Betonlobby. Spielt unterschiedliche Gruppen von Autogegnern nicht so gegeneinander aus. (Ist der Gleisdreieckpark nicht ein gutes Beispiel für die langsame Konvergenz dieser Interessen? In den nördlichen Teilen wurde noch unnötig abgeholzt und „überplant“, der Flaschenhalspark zeigt schon größere Wertschätzung für die Stadtnatur, wäre aber aber auch mit weniger Beton ausgekommen. Vielleicht kann man es im Wannseegraben noch besser machen, ohne legitime Nutzungsinteressen auszugrenzen.)

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