„Baut alles zu!“

Neue Senatsstudie: Wohnungsbaupotentiale an einseitig bebauten Straßen

„Wir müssen bauen, dass es kracht“, so äußerte sich Staatssekretär Ephraim Gothe neulich auf der Tagung Neubauforum des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), wie der Tagesspiegel am 23. 03. 13  berichtete. Die 6000 neuen Wohnungen pro Jahr, die Koalitionsvertrag vorsah, würden nicht mehr ausreichen. Inzwischen geht die Senatsverwaltung von 11.000 neuen Wohnungen im Jahr aus. “Baut alles zu“ schreibt der Tagesspiegel schließlich am 30. 03. 2013. Dies ist genau der Ruf, auf den die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gewartetet hatte und nun gerne erfüllen möchte. 

Die aktuelle Arbeitsfassung des Stadtentwicklungsplan Wohnen sieht 23 Standorte für neue Wohnsiedlungen vor. Die meisten liegen im Nordosten der Stadt in Pankow, aber auch 1800 neue Wohnungen am Gleisdreieck und 4500 am Tempelhofer Feld. Interessant ist, dass die 40.000 möglichen Wohnungen, die durch eine Nachnutzung des Flugplatzes in Tegel zur Verfügung stehen könnten, nicht mitgerechnet werden. Lediglich 1000 neue Wohnungen am Kurt-Schumacher-Platz werden aufgeführt. Offensichtlich geht die Senatsverwaltung davon aus, dass es in Schönefeld doch noch etwas länger dauern wird, bzw. dass sich Mehdorn mit seiner Forderung nach einer Offenhaltung von Tegel als Flughafen durchsetzt. Ohne diese größte Wohnungsbaureserve könnte es knapp werden, wenn die Bevölkerung Berlins tatsächlich weiter wächst wie zur Zeit prognostiziert. Dazu kommt, dass die Reserve an leerstehenden Wohnungen in den Großsiedlungen von Spandau und Marzahn durch die Verdrängung der Armen aus den Innenstadtbezirken schon fast vollständig aufgebraucht ist.

Deswegen sollen nun bis zum Herbst, wenn der Stadtentwicklungsplan Wohnen im Abgeordnetenhaus zur Beschlussfassung ansteht, noch weitere Wohnungsbaureserven ermittelt werden.

Dabei werden ehemalige Friedhöfe, bestehende Kleingartenanlagen sowie untergenutzte Industrie- und Gewerbeflächen untersucht. Quer zu diesen sektoralen Betrachtungen wurde auch eine Studie mit einem für die Verwaltung innovativen Ansatz in Auftrag gegeben. Einseitig bebaute Straßen sollen systematisch auf ihr Wohnbaupotential untersucht werden. Die Studie mit dem Titel „Wohnbaupotentiale einseitig bebauter Straßen“ geht aus von dem einfachen Gedanken, dass durch die vorhandenen Straßen die verkehrliche Erschließung schon gesichert sei, ebenso der unproblematische  Anschluss an die Wasser- und Energieversorgung. Damit würden die Erschließungskosten für die neuen Bauflächen verhältnismäßig gering ausfallen und die Grundstücke könnten innerhalb relativ kurzer Zeit zur Planreife entwickelt werden.

Eine vorläufige Liste mit den einseitig bebauten Straßen aus der Studie ergibt beeindruckende Zahlen:

1400 m am Weddinger Humboldthain, 2700 m am Volkspark in Friedrichshain, knapp 2000 m Straßenfronten am ehemaligen Görlitzer Bahnhof sind unbebaut! Bei Bebauungstiefen von 20 bis 50 m ein riesiges Potential! Am Görlitzer Bahnhof könnte allerdings aufgrund der geringen Breite der Anlage (nur 200 m Breite) jedoch nur eine der beiden freien Seiten bebaut werden.

Am Gleisdreieck listet die Studie eine 280 m lange Strecke entlang der Möckernstraße zwischen Wartenburgstraße und dem Landwehrkanalufer auf. Zu den 1800 zur Zeit schon projektierten Wohnungen am Gleisdreieck könnten also nochmal 300 neue Wohnungen hinzukommen, wenn an dieser Straßenkante eine ähnliche Bebauungsdichte wie auf der westlichen Seite des Gleisdreiecks an der Flottwellstraße vorgesehen wird. Auch diese Fläche ließe sich schnell entwickeln, denn sie war schon im städtebaulichen Rahmenvertrag von 2005 unter dem Titel „Schwechtenpark“ als Baufläche vorgesehen worden.

Die prominenteste der einseitig bebauten Straßen in der Senatsstudie ist die Tiergartenstraße am südlichen Rand des gleichnamigen Parks. Zwischen Klingelhöfer und Ben-Gurion-Straße führt sie über 1,4 km an mehreren ausländischen Botschaften und der Philharmonie vorbei zum Potsdamer Platz. Dann folgen 400 m entlang der Lennéestraße bis zur Ecke Ebertstraße. Die Autoren der Studie schlagen hier eine lockere Bebauung mit sechsgeschossigen Stadtvillen vor. Zwischen den Gebäuden blieben Ausblicke in die Parkanlage des großen Tiergartens möglich. Alle vorhandenen Wege in den Park blieben unangetastet. In dieser lockeren Struktur könne dennoch eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 1,5 bis 1,8 erreicht werden. Bei einer Bebauungstiefe zwischen 30 und 50 m könnten so entlang der 1400 m langen Strecke an der Tiergartenstraße ca. 1200 bis 1500 neue Wohnungen entstehen. Als Nebeneffekt entstünde so auch eine neue Verbindung zwischen dem Zentrum West am Bahnhof Zoo sowie dem Potsdamer Platz und dem historischen Zentrum in Berlin Mitte. Die Autoren stellen sich die neue Tiergartenstraße vor als verkehrsberuhigten, aber dennoch lebendigen Boulevard. Die vorhandenen Botschaftsgebäude bekämen ein attraktives Gegenüber mit Cafés und Geschäften in den Erdgeschossen. Probleme bei der Umsetzung werden gesehen vor allem beim Denkmalschutz und in der Auseinandersetzung mit den Naturschützern. Von den Anliegern sei hier kein nennenswerter Widerstand zu erwarten.

Anders als z. B. am Kreuzberger Viktoriapark. Dort wurden knapp 400 m am nördlichen Rand zur Kreuzbergstraße untersucht, ebenso 300 am westlichen Rand zur Katzbachstraße. Wenn Menschen jahrzehntelang den Blick auf eine freie Fläche genossen hätten – so die Studie – seien sie auch durch sachliche Argumente von der Notwendigkeit der neuen Bebauung kaum zu überzeugen.

 

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