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Flottwellstraße: 16 Straßenbäume geopfert

Von den  16 Bäumen an der Flottwellstraße ist ein guter Teil schon weg. Die, die noch stehen, werden wahrscheinlich morgen noch gefällt. Im Nachhinein muss man bitter feststellen, dass es kaum keine Chance gab, sie zu retten. Warum?

Der Ablauf

Am Freitag Nachmittag lässt das Bezirksamt Mitte in den benachbarten Häusern der Flottwellstraße Zettel ankleben, auf denen die

 Fällung von 16 in der Flottwellstraße

angekündigt wird. Mit dieser sprachlich zweifelhaften Überschrift sind die 16 Straßenbäume auf dem östlichen Bürgersteig der Flottwellstraße im Abschnitt zwischen Pohlstraße und Landwehrkanalufer gemeint. Schon am Montag Morgen ab 7 Uhr – so sagen es die Halteverbotsschilder – sollen die Fällungen beginnen. Als Grund für die Fällungen wird der Neubau von Wohnungen angegeben. Gemeint sind die Bauvorhaben auf dem ehemaligen Bahngelände östlich der Flottwellstraße.

Aushang des Bezirksamtes  Mitte
Aushang des Bezirksamtes Mitte

Am Sonntag entschließt sich der BUND gegen die kurzfristig anberaumten Fällungen eine einstweilige Verfügung zu beantragen. Dafür gab es gute Argumente.

Denn nicht mit der mangelnden Standfestigkeit der Bäume, die sonst immer gern herbeizitiert wird, sondern ausschließlich mit dem Neubau werden die Fällungen begründet. Dabei hieß es im Baumgutachten zu den Bebauungsplänen zum Thema Straßenbäume, dass diese – mit entsprechenden Schutzmaßnahmen – auch im Bezug auf die geplante Bebauung erhalten bleiben könnten.

Für den Erhalt der Bäume sprach außerdem, dass zur Zeit im Auftrag des Quartiersmanagement Planungen für die Neugestaltung der Flottwellstraße erarbeitet werden. Bisher war man bei diesen Planungen vom Erhalt der Straßenbäume ausgegangen.

Mit dem Antrag auf einstweilige Verfügung in der Hand sprechen wir kurz vor 7 die erste Firma an, als sie vor Ort beginnen, die ersten Äste abzuschneiden. Die Kollegen reagieren sehr verständnisvoll, stellen die Arbeit erstmal ein, diskutieren mit uns, sprechen ihr Mitgefühl aus, aber nach Rücksprache mit ihrem Auftraggeber wollen sie doch ihre Arbeit fortsetzen. Ein Streifenwagen der Polizei kommt vorbei, die Kollegen haben ebenfalls großes Verständnis für unsere Forderungen, das bringt auch nochmal 20 Minuten Aufschub. Zuwenig. Denn das Verwaltungsgericht fängt erst um 9 Uhr an zu arbeiten. Die Gerichtssprecherin hatte uns inzwischen zugesagt, dass der BUND-Antrag oben aufliegt und umgehend behandelt wird.

Bei einem weiteren Anruf kurz nach 9 heißt es, die Richterin habe sich verspätet, sie käme in 20 Minuten. Kurz vor 10 heißt es dann, die Richterin habe sich krankgemeldet, zwei weitere Richter der Kammer seien aber per Handy informiert worden. Eine Stunde später hieß es dann, die Richter hätten sich nicht zurückgemeldet, nun würde die Vertretungskammer angefragt. Von der heißt es dann wiederum eine halbe Stunde später, die Richter würden sich beim Bauträger Groth und beim Bezirksamt Mitte informieren. Inzwischen gehen die Fällungen natürlich weiter.

Erst 15:49 Uhr – inzwischen sind die meisten schon Bäume abgesägt – trudelt dann das Fax mit dem Beschluss des Verwaltungsgericht beim BUND ein. Der Inhalt ist eine Enttäuschung. Es sei keine Klagebefugnis gegeben. Um den eigentlichen Inhalt der Klage – nämlich den Erhalt der Bäume – macht sich das Gericht keinen Kopf. Noch nicht einmal ein Aufschub zur Prüfung der Sachlage ist drin. Verstehen kann man das nicht, zumindest nicht ohne Jurastudium.

Flottwellstraße, nach den Fällungen
Die Flottwellstraße nach den Baumfällungen, im Hintergrund das Plakat mit den neuen Eigentumswohnungen, die 3000.- bis 6000.- €/m² kosten sollen.

 

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8 Kommentare zu “Flottwellstraße: 16 Straßenbäume geopfert

  1. Es waren vor allem alte, hohe Pappeln, die die Flottwellstraße prägten, auch eine schöne Platane wurde von oben nach unten stückweise abgesägt und anschließend abtransportiert.

    Der englische Dichter beklagte bereits vor über 200 Jahren das Verschwinden der Pappeln, die ihm seit Jahren vertraut waren:

    The poplars are fell’d, farwell to the shade
    And the whispering sound of the cool colonade,
    The winds play no longer, and sing in the leaves,
    Nor Ouse on his bosom their image receives.

    The blackbird has fled to another retreat
    Where the hazels afford him a screen from the heat,
    And the scene where his melody charm’d me before,
    Resounds with his sweet-flowing ditty no more.

    Ouse: englischer Fluss

    Die Straßenbäume, die jetzt gefällt wurden, waren als letzte noch übriggeblieben. Für die Baumaßnahmen links und rechts war im Rahmen der „Nachverdichtung“ bereits alles beseitigt worden, was irgendwie nach Baum aussah und Blätter trug.

  2. Heute mittag wurden die Arbeiten plötzlich überstürzt beendet nachdem heute noch 3 große Bäume gefällt wurden und ganz schnell der kleinste, erst vor ca. 4 Jahren gepflanzte Baum überstürzt oben abgesägt wurde. Mir nichts dir nichts wurden alle Halteverbotsschilder eingesammelt. Auf Nachfrage bei der Firma die die Fällungen durchgeführt hat, warum die restlichen 6 Bäume stehen gelassen wurden, sagte man: Der Auftrag ist erledigt.

    Schon alles sehr merkwürdig und bedenklich.

  3. Trotzdem danke ich Ihnen für Ihre Mühe…Ich bin Anwohnerin und habe seit geraumer Zeit das Gefühl gegen diese gravierenden Veränderungen im Kiez nichts machen zu können, da die Zeiten für Proteste oder Sitzungen oft zu kurzfristig oder in Arbeitszeiten fällt.

    1. Ich habe so viele Filmchen von Bauprojekten gemacht. Es ist immer der Kampf Kapital gegen Anwohner. Schauen Sie unter (Herbert Suffel YouTube) die Entwicklung der Linienstraße oder Bauprojekt East Side Gallery. Immer gewinnt das Kapital, die können machen, was denen gerade so einfällt und nichts passiert.

      Man spricht von Bananenrepubliken, in denen alles gegen bunte Perlen geht. Gegen was geht hier alles ?

  4. Ev. kann man das an den Landesrechnungshof weiterreichen. Denn die Bäume dort wurden ja erst kürzlich für teuer Geld verstümmelt… „Beschneiden auf Vorrat“ nennen die Gartenämter das ja wohl.

    Die Klimabilanz wird sehr negativ sein. Es dauert ca. 100 Jahre, bis die jungen Bäume entsprechend viel CO2 schlucken können.

    Warum? Wir haben alle diese so schön riesig mammutiösen Maschinen und seitdem
    Kriegsgerät in Trecker und Baumaschinen verwandelt werden müssen und mußten, muß man sie halt im Straßen- und Hausbau einsetzen… Die Hebebühnen als Abkömmlinge der Mondfahrt müssen auch irgendeine Funktion erhalten…

    Der Bauindustrie-Imperialismus als letztes Stadium des „Global-Cooperatives“-Monopol-Kapitalismus´? „Wachstum, Wachstum über alles“? Bäume sind ja bekanntlich so klug, ihr Wachstum irgendwann auch wieder einzustellen, die Menschen hingegen sind so dusselig und kriegen das nicht hin…

    Elisabeth Meyer-Renschhausen

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