Westpark des Gleisdreiecks

Bebauungspläne „Flottwellpromenade“ werden ausgelegt

Ab kommender Woche wird der Bebauungsplan für das mittlere Baufeld an der Ostseite der Flottwellstraße auf dem ehemaligen Bahngelände des Potsdamer Güterbahnhofs ausgelegt werden. Bis zum 21. Juni können die Unterlagen im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg eingesehen und Stellungnahmen abgegeben werden.

Hier werden die Bebauungsplanunterlagen online verfügbar sein:

http://www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/verwaltung/org/stadtplanung/beteiligung.html#auslegung

Vom 4. Juni bis 4. Juli folgt dann der Bebauungsplan für das nördliche Baufeld, das bis an die Kanaluferstraße heranreicht. Der Termin für die Auslegung der Pläne des südlichen Baufelds im Abschnitt zwischen Pohl- und Kurfürstenstraße ist noch unklar.

Mit der Auslegung kommen die umstrittenen Bebauungspläne in eine kritische Phase. Denn nach wie vor sind die jetzt zur Bebauung vorgeschlagenen Flächen im Flächennutzungsplan als Grünflächen definiert. Ebenso sind sie in der gesamtstädtischen Ausgleichskonzeption des Landschaftsprogramms der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als ökologische  Ausgleichsflächen und als Vorrangebiet für den Klimaschutz vorgesehen. Eigentlich müssen Bebauungspläne aus dem Flächennutzungsplan heraus entwickelt werden. In diesem Fall wird das nicht so gehandhabt – ein klarer Rechtsbruch. In der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange zum mittleren Baufeld, die schon im vergangenen Jahr stattfand, wurden in der schriftlichen Begründung zum B-Plan die Inhalte des Flächennutzungsplan kurzerhand umdefiniert und behauptet, hier sei schon immer eine Baufläche geplant gewesen. Siehe Artikel auf gleisdreieck-blog.de http://gleisdreieck-blog.de/2012/02/10/bebauungsplanentwurf-flottwellstrasse-geschichtsfaelschung-verharmlosung-gefaelligkeitsgutachten-verschweigen/ In der Stellungnahme der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz wurde diese geschönte Darstellung der Planungsgeschichte richtiggestellt. Es wird nun spannend sein zu sehen, wie die Autoren des B-Plans mit dieser Kritik umgehen, ob sie sich eine neue Argumentation ausgedacht haben.

Weiße Architekturmodelle

In unschuldig-klinischem Weiß präsentierten sich die Bauprojekte an der Flottwellstraße Freitag, den 11. 05. 12 auf einer Infoveranstaltung im Rathaus Kreuzberg. Vor Beginn der Veranstaltung wurden die Architekturmodelle umringt von großen und kleinen Besuchern.

Zu Beginn der Infoveranstaltung am 11. Mai 2012 im Rathaus Kreuzberg

„Sind die nicht doch etwas höher als die Nachbarbebauung?“ Das war eine der wenigen kritischen Fragen auf der Veranstaltung. Im Modell sind sie es tatsächlich. Nein, das muss wohl ein Fehler der Modellbauer sein, war die Antwort vom Podium, auf dem die Vertreter der Investoren und Architekten saßen. Mit 22 m von der Straßenoberkante gemessen sei die Höhe der neuen Bauten nicht höher als der Bestand auf der Westseite der Flottwellstraße.

Mit Bildern und Plänen wurden dann die beiden Bauprojekte vorgestellt. Am mittleren Baufeld hat sich gegenüber der Vorstellung vom letzten Jahr nicht viel geändert. Die Forderung „Weniger ist mehr“ aus der öffentlichen Veranstaltung im letzten Jahr hat die Planer wohl nicht beeindruckt. Siehe dazu Artikel auf gleisdreieck-blog.de   http://gleisdreieck-blog.de/2011/06/05/weniger-ist-mehr-noch-weniger-ist-noch-mehr/
Nach wie vor sind ca. 250 Wohnungen geplant in drei mäandrierenden Blöcken, deren Höfe sich abwechselnd zur Straßenseite und zur Parkseite öffnen. Lagepläne und Ansichten der soliden, etwas altherrenhaften Architektur sind hier zu finden http://www.archkk.com/portfolio/flottwell-living-berlin/ Für die notwendigen Kindergartenplätze ist in diesem Ensemble kein Platz, deswegen sei man mit der Baugenossenschaft Möckernkiez in Verhandlungen, damit diese die Kindergartenplätze auf ihrem Baufeld anbietet.
Neu war die Präsentation des nördlichen Baufelds. Dort sollen drei Gebäude entstehen. das „Märchenhotel“ an der nördlichen Spitze sowie zwei Gebäude mit 40 Mietwohnungen und 90 Eigentumswohnungen.  Wie hoch die Mieten liegen werden, konnte Investor Grimm nicht sagen, er habe  die Kosten noch nicht kalkuliert. Das Hotel steht auf dreieckigen Grundriss, da der Bahntunnel hier bis unter das Baufeld hineinragt, im Erdgeschoss soll Gastronomie stattfinden, die die Eingangssituation des Parks für sich nutzen möchte. Für das Hotel selbst gibt es ein Vorbild, das Grimm’s Hotel in der Alten Jakobstraße http://www.grimms-hotel.de/ . Bilder und Pläne der Projekte des nördlichen Baufeldes sind im Internet bisher leider noch nicht zu finden.

Lob und Kritik

Aus dem Publikum gab es mehrfach Lob: „gut, dass endlich etwas passiert“. Der desolate Zustand der Flottwellstraße stört viele. Oder auch ein eingeschränktes Lob, „Park wäre auch nicht schlecht gewesen, aber nun passiert endlich etwas“. Kritik gab es an den vielen Tiefgaragen, die zu einem hohen Versieglungsgrad führen. Etwas Verwirrung stiftet die Frage nach Verschattung des künftigen Parks. Schon am frühen Nachmittag wird der Park hier von der geplanten westlichen Bebauung verschattet werden, am Vormittag von der östlichen Bebauung. Eine Aufstockung des östlichen liegenden Parkhaus Debis wird immer wieder diskutiert, südlich im Anschluss an das Parkhaus Debis liegt das von der Vivico so genannte Baufeld „Urbane Mitte“, für das der städtebauliche Vertrag eine GFZ von 3,5 vorsieht, also eine sehr dichte Bebauung. Wo ist das überhaupt? wurde auf der Veranstaltung gerätselt. Ein fachkundiger Teilnehmer meldete sich zu Wort mit dem Hinweis, dass ja lediglich der Eisenbahntunnel verschattet würde und traf damit ins Schwarze, denn der fast der gesamte Westpark liegt in diesem Bereich auf dem Eisenbahntunnel. Frau Klar von der „Freien Planungsgruppe“, die die Bebauungspläne koordiniert, sagte, östlich am U-Bahnhof Gleisdreieck sei ja noch nichts konkretes geplant, von daher gäbe es keinen Anlass für eine Verschattungsstudie. Herr Thomson, für die CA Immo/Vivico auf dem Podium, trug hier nichts zur Aufklärung bei. Dass in den Bilanzen seiner Firma das Baufeld „Urbane Mitte“ mit einem Buchwert von 12 Mio. € geführt wird, blieb unerwähnt.

aufgenommen am 11. 05. 12 im Rathaus Kreuzberg
Architekturmodell, aufgenommen am 11. 05. 12 im Rathaus Kreuzberg, zeigt den Westpark als schmalen Streifen zwischen den Baufeldern

Wenn die Bebauungspläne so durchlaufen, wie am 11. 05. 12 vorgestellt, dann wird der Westpark des Gleisdreiecks tatsächlich auf einen schmalen Streifen reduziert. Die Blockadepolitik der Vivico und ihrer Vorgängerin, der „Eisenbahnimmobilienmanagement GmbH“ würde damit belohnt werden. 10 Jahre lang seit Mitte der 90er wurde mit dem Land Berlin geschachert. Erst im Gegenzug für das Zugeständnis der maximalen Bebauung wurde 2004 der städtebauliche Vertrag zwischen Vivico, Land Berlin und Bezirk abgeschlossen und Flächen für den Park freigegeben.

Was bedeutet dies für den Ort ?

  • Die historische entstandene Kante zwischen Stadt und der ehemals eisernen Bahnlandschaft wird unkenntlich gemacht – hier fuhr 1838 die erste Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam. Für den ehemaligen Postdamer Personenbahnhof steht der Tilla-Duriex-Platz nördlich des Kanals. Die visuell logische Folge dieses Freiraums ist der sich südlich des Kanals anschließende Potsdamer Güterbahnhof. So sahen es auch die städtbauliche Konzepte zum Potsdamer/Leipziger Platz vor. Dieser stadträumliche und stadtgeschichliche Zusammenhang wird negiert. Für Besucher wird er vor Ort kaum noch erlebbar sein.
  • Die über das Gleisdreieck verlaufende Frischluftschneise zwischen Tiergarten und südlichem Stadtrand wird stark eingeschränkt werden – mit negativen Folgen für das Klima des gesamten Innenstadtbereichs. Dies belegen die Umweltverträglichkeitsuntersuchungen zum Potsdamer und Leipziger Platz. Dort, wo jetzt die Baufelder „Flottwellpromenade“ entstehen sollen, sahen die B-Pläne vom Potsdamer und Leipziger Platz die ökologische Ausgleichsflächen vor.
  • Der Park selbst wird reduziert auf den baulich nicht verwertbaren, schmalen, stark verschatteten Streifen über dem Eisenbahntunnel mit Folgen für die Aufenhaltsqualität im Park. Die tausenden Besucher, die der Gleisdreieck-Park an den Wochenenden anzieht, werden sich eher in den südlichen Bereich Richtung Yorckstraße orientieren und in den Ostpark an der Möckernstraße. Der nördliche Teil des Westparks wird hauptsächlich zum Transitpark werden, mit vielen überregional wichtigen Wegen für Radfahrer und Fußgänger.

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