Bürgerbeteiligung???

Bebauungsplan Möckernkiez liegt aus im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

Seit dem 16. April 2012 liegen die Bebauungspläne für das Projekt Möckernkiez im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg aus. Verrückt, dass ausgerechnet bei diesem ambitionierten Projekt, dass in Sachen Ökologie und Bürgerbeteiligung Maßstäbe setzen will, keiner dies rechtzeitig mitbekommen hat. Es handelt sich um einen sogenannten „Vorhabenbezogen Bebauungsplan“, das bedeutet, dass die Genossenschaft Möckernkiez selbst das Verfahren durchführt, doch auf der Internetseite der Genossenschaft findet sich kein Hinweis darauf.

Die Bebauungsplanunterlagen sind nun auf den Seiten des Bezirksamtes zu finden.
Sie bestehen aus

  • der 95seitigen Begründung, PDF-Dokument laden
  • aus dem Bebauungsplan selbst, PDF-Dokument laden
  • und aus den Fachgutachten mit insgesamt 941 Seiten. Wahnsinn, wie viel Arbeit da drin steckt, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht. (wer das Dokument laden möchte, bekommt immer wieder Fehlermeldungen angezeigt: Netzwerkfehler, die Datei ist beschädigt und kann nicht repariert werden . . . bei mir ist das Herunterladen immer gescheitert, wenn ich 83 von den 84 MB geladen hatte),  PDF-Dokument versuchen zu  laden

Noch bis zum 16. Mai 2012 können Bürger zu diesem Werk Stellung nehmen entweder schriftlich beim Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg oder online über ein Formular auf den Seiten des Bezirksamtes.

Zum Inhalt

Wer die 95seitige Begründung lesen möchte, braucht Durchhaltevermögen. Es ist ein schwer genießbarer Text mit zahlreichen Wiederholungen. Die Autoren der verschiedenen Kapitel haben wohl immer mit wieder mit Copy und Paste voneinander abgeschrieben, wie z. B. den Satz:

Die Tötung ist durch Bauzeitenregelung im Baugenehmigungsverfahren und eine ökologische
Baubegleitung zur Kontrolle der Regelungen vermeidbar.
Auf Seite 48 und 53 der Begründung.

Erst beim zweiten Lesen der Begründung erschließt sich dann, dass um die Tötung von Vögeln geht (Haussperling, Star, Feldsperling, Hausrotschwanz, Kohlmeise, Bachstelze, Gartenbaumläufer) und dass deren Tötung im Bauprozess hier selbstverständlich nicht vermeidbar ist. 420 neue Wohnungen haben eben auch ihren ökologischen Preis. Nicht nur tote Vögel sondern auch den Verlust der alten Vegetation:

Geht man von dem worst case aus, also von einem vollständigen Verlust, wären 149 Bäume neu zu pflanzen.,
Seite 43 der Begründung

Dafür muss Ausgleich geleistet werden. Gleich an sieben Stellen im Dokument (auf den Seiten 33, 35, 41, 41, 47, 72 und 73) wird der Satz wiederholt, dass dafür mindestens 55 Bäume im Plangebiet neu gepflanzt werden müssen. Danke. Da dies als Ausgleich für den Verlust an Vegetation und insbesondere für die Neuversiegelung (von 30.000 m² bleiben nur 6600 unversiegelt) nicht ausreicht, soll zusätzlich außerhalb des Plangebiets ökologischer Ausgleich geleistet werden:

Für den planexternen Ausgleich wird auf eine Sammelausgleichsfläche zurückgegriffen, die Teil der gesamtstädtischen Ausgleichsfunktion ist. Östlich der Flottwellstraße, im Bereich des Bebauungsplans VI-140a (zukünftiger Westpark) auf dem Gleisdreieck steht dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eine Fläche für Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung.
Seite 39 der Begründung

Diese Fläche im nördlichen Teil des Westpark des Gleisdreieck liegt direkt über dem Eisenbahntunnel, zwischen den geplanten Bauten der VIVICO und dem Parkhaus Debis. Hier können allerhöchsten flachwurzelnde Bäume gepflanzt werden, die ökologische Bedeutung der Fläche geht gegen Null, aber irgendwie muss der Vorgarten zu den VIVICO-Bauten ja finanziert werden. (siehe dazu Artikel „Bäumchen wechsel Dich“ über das Hütchenspiel mit ökologischen Ausgleichsflächen auf diesem Blog)

Der Übersichtsplan

Gelb markiert ist die Straßenverkehrsfläche, die neuen Gebäude sind blau umrandet, die Lage der Tiefgarage ist rot markiert.

Ausschnitt aus dem B-Plan Möckernkiez
Ausschnitt aus dem B-Plan Möckernkiez

Die Riegel zur Yorck- und Möckernstraße

Zur Yorck- und Möckernstraße wird das Baugebiet durch einen durchgehenden Riegel mit sechs Geschossen plus Staffelgeschoss abgeschirmt, um das Blockinnere vom Straßenlärm abzuschirmen. Ursprünglich sollte hier der alte Zollpackhof erhalten und überbaut werden. Leider werden diese Diskussion um den Zollpackhof innerhalb der Genossenschaft und die Planungsschritte, die schließlich zur Entscheidung des Abrisses führten, nicht dargestellt.

In den beiden neuen Riegeln befinden sich Wohnungen, Gewerberäume und an der Ecke ein Hotel. Die Wohnungen werden mit Lärmschutzfenstern ausgestattet und die Grundrisse so gestaltet, dass die Wohnungen nicht nur zur lauten Seite hin orientiert werden.

Ein Nebeneffekt der Riegel ist, dass sie auch Schall reflektieren, z. B. in der Möckernstraße. Den gegenüberliegenden Nachbarn wird also nicht nur die Sicht aufs alte Bahngelände verbaut, durch die Schallreflektionen werden bei ihnen auch die Grenzwerte für Verkehrslärm überschritten. Vorsichtshalber wird auf Seite 67 der Begründung geschrieben:

Da mit dem Vorhaben keine baulichen Maßnahmen an Straßen (erheblicher baulicher Eingriff im Sinne der Verkehrslärmschutzrichtlinien 1997) verbunden sind, fällt das Vorhaben nicht in den Anwendungsbereich der 16. BImSchV. Ein Anspruch auf passive Schallschutzmaßnahmen für Bestandsgebäude besteht somit nicht.

Es gibt jedoch eine verkehrliche Maßnahme, die im Zusammenhang mit dem Bauvorhaben Möckernkiez sehr sinnvoll wäre, aber im B-Plan bisher leider nicht vorgesehen ist: ein neuer Fußgängerübergang an der Südwest-Ecke des Möckernkiezes über die Yorckstraße hinweg zur Katzbachstraße mit Ampel und Zebrastreifen.  Damit man auch vom westlichen Bürgersteig des Katzbachstraße in den Möckernkiez und in den Gleisdreieck-Park zu kommen kann (und umgekehrt), ohne dreimal an Ampeln warten zu müssen.

Das autofreie Blockinnere – gated community?

Die Gebäude im Blockinneren bilden eine kammartige, offene Struktur zum Park hin, mit dem Ziel, aus möglichst vielen Wohnungen Blickbeziehungen in den Park zu haben. Jeweils zwei Gebäude bilden einen Hofraum, der nicht öffentlich zugänglich ist. Die anderen Flächen zwischen den Gebäuden sind öffentlich zugänglich. Aber Achtung: im Prinzip handelt es sich um autorfreie Privatstraßen. In der gelb markierten Straßenverkehrszone markieren schwarze Dreiecke die Zugänge an der Yorckstraße. Wenn es so gehandhabt wird, wie auf der letzten Veranstaltung der Möckernkiezgenossenschaft dargestellt, sind diese Zugänge für alle offen, das heißt jeder kann hier in das Baugebiet hineingehen und zum Park hindurchgehen. Nur planungsrechtlich gesichert werden soll dies nicht, so dass das Entstehen einer „Gated Community“ nicht ausgeschlossen werden kann.

Der einzige öffentlich-rechtlich gesicherte Zugang zum Gelände und zum Park befindet sich laut B-Plan-Entwurf an der Südwest-Ecke. Innerhalb der dort gestrichelten Linie soll der Zugang erfolgen. Damit er nicht als Sackgasse endet, muss der Weg dann auf der Seite des Parks durch den „Rosenduftgarten“ des Vereins Süd-Ost-Europa e. V. führen, der dadurch ein Streifen seines Gartens an der Yorckstraße verlieren würde. Schade drum.

Das Überraschungsei

In dieser Südwestecke ist auch noch etwas Besonderes geplant.

In Sichtachse der Hagelbergerstraße vor den Yorckbrücken soll ein besonderes 2-geschossiges Gebäude entstehen, das Kiezeinrichtungen und Gastronomie sowie ein Informationszentrum für e-Mobilität beherbergen soll.
Seite 14 der Begründung

Diese Gebäude ist eine kleine Überraschung, denn auf der letzten öffentlichen Vorstellung des Projekts im Rathaus Kreuzberg im Januar diesen Jahres, war von diesem Gebäude noch nicht die Rede, sondern vielmehr davon, dass es Sinn mache, die Sichtachse aus der Hagelberger Straße von jeder Bebauung freizuhalten. Man fragt sich, was das Gebäude soll?

Wenn den Genossen vom Möckernkiez etwas daran läge, die historischen Spuren und das wildgewachsene Grün zu erhalten, bei einem Verzicht auf das Überraschungsei hier an dieser kleinen Stelle wäre es leicht möglich. Und könnten die Kiezeinrichtungen nicht besser im Kiez stattfinden, wozu nennt sich der Möckernkiez eigentlich Kiez, wenn solche Einrichtungen an den Rand gedrängt werden? Und wäre nicht ein Standort für e-Mobiltät besser an der alten Ladestraße (parallel zu Yorckstraße) verortet? Dort könnte dann auch mal ein echtes e-Mobil vor der Tür stehen. Und ist nicht irgendwo an der 300 m langen Front Richtung Nord-West zum Ostpark Platz für eine gastronomische Einrichtungen in den Erdgeschossen der neuen Gebäude?

Es fällt schwer, dieses Überraschungsei überhaupt ernstzunehmen. Vielleicht ist es nur deswegen dort hineingezeichnet worden, um im Verfahren etwas zu haben, dass man leicht wieder aufgeben kann – als Zugeständnis an die Naturschützer.

Frühere Artikel zum Möckernkiez

http://gleisdreieck-blog.de/category/moeckernstrasse/

Nachtrag, 9. 5. 2012

Am Donnerstag, den 10. 05. 2012 um 19 Uhr  findet eine Infoveranstaltung statt zum B-Plan Möckernkiez im Rathaus Kreuzberg, Link zur Einladung

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3 Kommentare zu “Bebauungsplan Möckernkiez liegt aus im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

  1. Hallo,
    das Thema . . .
    . . „und aus den Fachgutachten mit insgesamt 941 Seiten >> PDF-Dokument versuchen zu laden“ >> ging ruck-zuck
    Ein schönes Wochenende!
    j.

  2. Hallo Volland Lisa,
    es ist schon erstaunlich, dass auf der Homepage des Möckernkiezes (http://www.moeckernkiez.de/) keine aktuellen Pläne zu finden sind. Die Unterlagen zum Bebauungsplan sind zumindest hier im Artikel weiter oben verlinkt, aber leider funktionieren die Links inzwischen nicht mehr, der Bezirk hat die Unterlagen offensichtlich aus dem Netz genommen.

  3. Liebe Genossenschaftskollegen,
    ich würde gerne konkretere Baupläne, bzw. Grundrisspläne ansehen wollen.
    Wo fnde ich diese im netzt?
    Für eine Antwort wäre ich dankbar.
    herzlicher Gruß
    Lisa Volland

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