Gemischte Gefühle

Eröffnung des Gleisdreieck-Parks am 3. September 2011

Nur noch wenige Wochen sind es, bis der Park auf dem östlichen Teil des Gleisdreiecks, dem Anhalter Güterbahnhof eröffnet werden wird. Am Samstag, den 3. September – am selben Tag findet auch das traditionelle Hornstraßenfest statt – wird auf dem ehemaligen Anhaltergüterbahnhof  ab 10 Uhr ein „Bürgerfest“ mit Infoständen, Musik und Essen stattfinden. Auch die politische Prominenz wird nicht fehlen. Welche Geste ist der Eröffnung des von den Planern „Ostpark“ genannten Teils des Gleisdreieck angemessen?

Darüber zerbrechen sich jetzt schon einige Leute die Köpfe. Das Durchschneiden eines Bandes wie bei der Einweihung von Autobahnen ist sicher nicht angemessen. Das liegt auch daran, dass es Dank des Einsatzes von Bürgern und Bürgerninitiativen eben keine Autobahn und  kein Busbahnhof sondern ein Park geworden ist. Auch dass das „Great Wheel“ – das weltgrößte Riesenrad  – nicht hier sondern am Zoo pleite gegangen ist, ist nicht der Politik, sondern dem Engagement der Bürger zu verdanken.

Trotzdem wird die Eröffnung des Parks von vielen mit gemischten Gefühlen erwartet. Zu viel von dem, was die Fläche berühmt gemacht hat, die Mischung aus wild gewachsener Natur und  historischen Spuren des ehemals größten Berliner Bahnhofs ist von den Planern der Grün Berlin GmbH, der Senatsverwaltung und dem Atelier Loidl in den letzten vier Jahren plattgemacht worden.

Ein kleines, einprägsames Beispiel für diesen Verlust ist der Aufgang an der Möckernstraße auf Höhe der Wartenburgstraße. Ein Rampe mit 120 Jahre altem Pflaster führte, gesäumt von wilden Grün und hohen Bäumen vom Straßenniveau auf die höher liegende Fläche des Bahngeländes. Erst wollten die Planer die Rampe völlig entfernen. Nach Protesten der Anwohnervertreter wurde sie in die Planung integriert. Doch was sehen wir jetzt? Die großen Bäume sind verschwunden, ebenso das historische Pflaster, das Unterholz sowieso. Anstelle der grünen Böschungen flankiert nun eine Konstruktion aus gefärbten Betonfertigteilen den Aufgang.

Die Rampe mit dem wunderbaren Pflaster war der erste öffentliche Zugang zum Park. Im März 2005  wurde hier mit sanfter Gewalt von hunderten Leuten das Tor aus den Angeln gehoben, um sich Zugang zum Gelände zu verschaffen. Bis zum  Beginn der Bauarbeiten für den Park gab es hier einen provisorischen Park, den alle Beteiligten in guter Erinnerung haben. Die Kolumnistin  der Bild am Sonntag, Katharina von der Leyen beschreibt diesen Park so:

Ich habe so etwas in keiner Großstadt je gesehen: ein informeller, großer Garten mitten im tosenden Kreuzberg, ein fast heimlicher, paradiesischer Ort, in dem es keinen Vandalismus gab, alle lebten friedlich miteinander. Aber dann sollte es ein „richtiger“ Park werden. Die Flächen wurden gerodet, der Wildpflanzenbewuchs zerstört und zahllose Bäume gefällt, um die üblichen, kilometerlangen Wiesenflächen entstehen zu lassen. Seit vier Jahren tut sich nur wenig. Die vielen Tiere, die hier lebten, sind weg, weil sie auf den kahlen Brachflächen nichts mehr zu suchen haben. Ein seltener alter Pfirsichbaum – abgeholzt.

aus Bild am Sonntag, 28.05.2011, Link zum Artikel

Rational ist die Kahlschlagsanierung der historischen Spuren und des Grüns entlang der Möckernstraße nicht zu erklären. Hatten die Planer zu viel Geld? Konnten sie es nicht ertragen, dass Bürger hier schon mal ohne sie „Park“ gemacht hatten?  Ist es ihre Unfähigkeit, abstrakte Planungsideen in der Auseinandersetzung mit der Realität vor Ort weiterzuentwickeln? „Wir machen einen Park für hunderttausende, nicht für ein paar Kreuzberger Aktivisten“ war ihr einziges, immer wiederholtes Argument. Das Ergebnis: die Phantasie ist abgewandert, in die Prinzessinengärten, in den Mauerpark, ans Spreeufer. Die Natur wird sich vom Eingriff durch die Planer erholen, die historischen Spuren jedoch sind unwiederbringlich verloren.

Neue Leute kommen nach Berlin, sie werden den neuen Park mit anderen Augen sehen, ohne die Bilder der Vergangenheit im Kopf. Ob sie, wie vorgesehen ihr Handtuch auf der großen Wiese auslegen, ob sie die straßenartigen Wege, die aus verschiedenen Materialien bestehen (Asphalt für Radfahrer, rotgefärbter Beton für Fußgänger), brav in der geplanten Weise benutzen werden, ob die angelegten Spielplätze wie der Stangenwald am Eingang Hornstraße, eine  ähnliche Attraktivität entwickeln werden, wie sie einst die Wildnis des Gleisdreiecks hatte, wir werden es sehen.

Der Gleisdreieckpark gentrifiziert

Die Eröffnung des Parks fällt zusammen mit einer sich zuspitzenden Entwicklung des Immobilienmarktes. Wer die Wohnungsanzeigen durchsieht, findet zahlreiche Angebote, in denen mit Hinweis auf die Nähe zum Gleisdreieckpark geworben wird. Die Hornstraße scheint fest in Hand von Spekulanten, die Wohnung für Wohnung in Eigentum umwandeln. Nördlich des Parks im Fanny-Hensel-Kiez und westlich in der Pohlstraße werden die Bewohner mit horrenden Mietsteigerungen aus den Sozialwohnungen vertrieben. Selbst südlich des Parks, beispielsweise in der Katzlerstraße, wo vor wenigen Jahren noch Menschen wegzogen, weil sie sich in der Straße nicht sicher fühlten, werden Immobilien vermarktet mit Hinweis auf die Nähe zum Gleisdreieck-Park, obwohl der Zugang aus diesem Kiez zum Park noch keineswegs gesichert ist. Ein Beispiel:

Werbung für Eigentumswohnungen in der Katzler Straße 17
Werbung für Eigentumswohnungen in der Katzler Straße 17

Auch auf dem Bahngelände wird gebaut werden. An der Möckern- und Yorckstraße plant die Baugenossenschaft Möckernkiez eine Öko-Idealstadt für den Mittelstand. Siehe Landwehrkanalblog und Moeckernkiez.de. Für die noch besser Verdienenden plant die Vivico mitten in der Frischluftschneise neue Wohnblöcke an der Flottwellstraße. Hier wird der öffentliche Park quasi zum privaten Vorgarten. Siehe dazu Artikel auf diesem Blog: „Weniger ist mehr …“

Der Park gentrifiziert – daran gibt es keine Zweifel. Die, die sich für den Park eingesetzt haben, werden teilweise selbst zu Opfern dieser Entwicklung. Weder die Politik noch die Park-Aktivisten der Bürgerinitiativen haben Antworten auf die Frage, wie man die Lebensverhältnisse in der Stadt dauerhaft verbessert, ohne dass dies zur Verdrängung der kleinen Leute führt.

Sollte die Senatorin noch auf der Suche sein nach der passenden Geste für die Eröffnung des Parks am 3. September 2011, hier ein Hinweis: ohne wohnungspolitische Maßnahmen, die die Menschen im Umkreis des Parks wirkungsvoll vor Vertreibung schützen, geht es nicht.

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7 Kommentare zu “Eröffnung des Gleisdreieck-Parks am 3. September 2011

  1. Die Miete hat sich seit 2006 enorm erhöht… ich bin Opfer! Ich möchte garnicht wissen was auf uns noch zu kommt. Der Park ist schön, ohne Worte.

    Behindertengerecht oder nicht… Heute sah ich Kinder wie sie über die mäßigstark- bis stark -befahrene Straße rannten ohne Begleitung! Es müssten eigentlich mehr Zebrastreifen und/oder Ampeln geben. Ich bin/war gegen den Ausbau… jetzt lasse ich mich überraschen. Die ersten Mieter haben heute Briefe von der Hausverwaltung bekommen. Grund: Mieterhöhung.

    LG

  2. Hallo Nils,
    es werden immer Sachzwänge ins Feld geführt, wenn es gilt, etwas plattzumachen: Die Rampe soll behindertengerecht sein! Auch die neue Rampe an der Wartenburgstraße ist nicht behindertengerecht. Sie muss es auch nicht sein, weil ein paar Meter weiter der Haupteingang an der Hornstraße einen behindertengerechten Zugang hat.

  3. Ich muss teilweise widersprechen, auch wenn ich den Grundtenor des Artikels durchaus berechtigt finde. „Ein Rampe mit 120 Jahre altem Pflaster führte, gesäumt von wilden Grün und hohen Bäumen vom Straßenniveau auf die höher liegende Fläche des Bahngeländes.“ Klar, altes Pflaster erhalten ist schön, aber sobald man mit Rollstuhl oder Kinderwagen versucht, sich da hinaufzukämpfen, vergeht einem die Freude daran. Ansonsten erschließt sich mir die Freude am Erhalten auch nicht ganz – im 19. Jahrhundert hat jemand ganz und gar nicht daran gedacht, „Altes zu erhalten“ und das gesamte Gleisdreieck-Gelände meterhoch aufgeschüttet, mit Schienen zugebaut und auch sonst keinen Stein auf dem Anderen gelassen. Derartige gravierende Veränderungen sind Teil der Geschichte Berlins, und ich finde es logisch nicht ganz nachvollziehbar warum ein einstmals erfolgter radikaler Umbau von da an erhalten bleiben, das Prinzip „Veränderung“ aber kein Bestandteil der weiteren Entwicklung sein soll. Das gilt aber unabhängig von der im obigen Beitrag richtig gemachten Feststellung, dass die Bürgerbeteiligung furchtbar daneben ging und wertvolle ökologische Qualitäten des Gebietes unwiderruflich verloren gegangen sind. Zu dieser Feststellung gehört aber auch, die andere Seite zu sehen: In der brachliegenden Form war der Zugang für viele Leute eben nicht möglich, und bei einer Begehung vor einigen Wochen gefiel mir der neu entstehende Park überraschend gut.

  4. Lieber Mathias,

    Vielen Dank für Dein sehr gutes Resümée.

    In einem muß ich Dir wiedersprechen:

    Es gibt eine Antwort auf die Gentrfizierung! Bodenreformen und Soziale Politik.

    1. Eine sozial verträgliche Politik ist eine Lösung, eine Politik, die nicht notorisch mit den Baufirmen mauschelt, wie es die SPD und die ihr nahestehenden Verwaltungen in dieser Stadt notorisch auf Kosten der gesammten Sozialpolitik zu tun scheint. (Die CDU mauschelte erst recht, wir erinnerun uns…)

    2. Kleinere Projekte sind grundsätzlich eher sozial verträglich zu gestalten und es hilft z.B. eine Politik, die ab jetzt generell die Hälfte solcher Gelder in eine aktive Sozialpolitik steckt, statt in Baufirmen von Grün Berlin bis Loidl etc.: d.h. neue Stellen schaffen statt Betonplatten, echtes Geld für eine annehmbare Sozialpolitik im Bezirk, für ein wirkliches Quartiersmanagement lokal (!) verankert, ausgreichend Stellen für Mieterberater, Sozialarbeiter, Street Worker, Community Gardening Koordinatoren, Gärtner und und und etc.

    3. Das Wichtigsten: Stopp der Mietpreistreiberei und Gentrifizierung durch sofortige Beendigung der Bodenspekulationpolitik durch den Liegenschaftsfond und die Bahn! Kurzum eine mutige Politik, die wirklich Politik macht und nicht nur nach dem Gelde schilet und die Erwerbslosen aus der Statistik eleminiert. Bodenreformen sind angesagt, wir können uns nicht leistens, bis nächste Weltkriege sie wieder erzwingen werden.
    (Zum Weiterlesen: siehe Franz Oppenheimer, Adolf Damaschke, Hans Kampffmeyer… Hartwig Berger, Elisabeth Meyer-Renschhausen)

    Elisabeth Meyer-Renschhausen

  5. und weiter nach vorn schauen,

    in dem letzten Meeting mit Herrn Krömer gab es keine Bewegung außer,daß M.Bauer
    ein alternativ Konzept vorstellte,das wahrscheinlich lediglich Kroll gefallen haben mag.
    Beton wohin das Auge blickt.besonders schlimm war die Rampe von der Monumentenbrücke in den umstrittenen neuen Teilpark .Wieso ist es absurd zu sagen,daß der Eingang auf natürlicher Ebene an der Bautzener Straße 20 als zu-und abgang kostensparend genutzt werden kann mit der einmaligen Möglichkeit bis weit in Richtung Südkreuz ebenes gelände Naturnah (heißt wenig abholzen) zu begehen und oder befahren.
    Der Herr Groll könnte ja auch mal seine Kreativität zum tragen bringen,wenn
    er mal überlegt ob z.B der S Bahnhof Yorckstraße S2undS25 einen Bahnhofsausgang an der Großgörschenstraße ebenfalls kostengünstig dadurch mitschaffen könnte, wenn
    die Bahn moderne Verkehrsführung betreiben könnte und die 4ZÜge im durchschnittlichen 8-10minutentakt auf der östlichen Seite des Bahnsteiges von der Bautzener Straße betrachtet also eingleisig halten lassen könnte.
    Dadurch wäre die Frage des Abgangs zur Großgörschenstraße wie oben gesagt sehr
    kostengünstig und rasch zu realisieren.
    Bei der Rampe welche von M.Bauer favorisiert wird und den geplanten Kinderspielplatz
    scharf anschneidet wäre wie oben gesagt Geld frei um zumindest die entsprechenden
    Grundlagen zu schaffen (Elektro-und Wasser-be und Entwässerung)zulegen um ein verstecktes wunderbares naturverbundenes Gaststättengewerbe vorzubereiten.
    Bei dem S Bahn Abgang in Richtung Herrn Planungsfachmann Kroll formuliert,sei gesagt,
    daß Nägel mit Köpfen dafür gemacht würde um die Brücke 5 näher in das Blickfeld zu rücken in dem ein weiterer bequemer Schnittpunkt für den Übergang auf dieser Brücke Richtung Norden ermöglicht werden könnte.Der Investor für das Gewerbefiletstück Yorck-bis zur Großgörschenstraße könnte dadurch in die menschenfreundliche Richtung gelenkt werden.
    Nebenaspekt wäre auch zu insistieren daß das Märchen der kostenaufwendigen historischen Brücke 5 Sanierung einen logischeren Sinn dadurch bekommt,daß
    der Übergang ohne Dach-oder andere Überquerung rasch und tatkräftig an Hellweg und dem mir unbekannten Investor des „leeren Geländes Yo-bis GrgöStr.“vorbei durchgeplant werden kann.Den herrlichen Bezirksrealisierern, welche jetzt schon die
    Bautzener in benannten Bereich durch Parkhäfen verengt haben von hier ein herzlicher Gruß und Dank.

    der Kretivität einen Platz schaffen
    an und abfahren

    Hans Juergen

  6. Lieber Mathias! Das ist ein super Beitrag, vielen Dank!

    Diese monetär, ausgerichtete Planung hinterlässt ein Gefühl der Ohnmacht bei den Anwohnern und Umweltaktivisten. Berlin verliert seinen wildromantischen Charakter und wird zu einer sterilen Park und Wohnwüste!
    Wie lange wird es dauern, bis wir darin ersticken?

    Da kann man nur hoffen, dass das Geld bald alle ist oder der Euro das Zeitliche segnet!
    A(t)men!

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