Was bringt das neue Jahr 2011 am Gleisdreieck?

Auch wenn es vor Ort noch nicht so aussieht, im Sommer 2011 soll der sogenannte „Ostpark“ auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof eröffnet werden. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte die BI Westtangente im Kampf gegen die Stadtautobahn die Idee des Parks entwickelt. „Grüntangente statt Westtangente“ hieß die Parole. Und jahrzehntelang haben die Bürgerinitiativen für diesen Park gekämpft. 2011 ist es soweit!
Trotzdem: wer den ehemaligen Anhalter Güterbahnhof von früher kennt, wird diese Eröffnung des Parks auch mit etwas Wehmut verfolgen. Denn zu viel von dem, was das Gleisdreieck berühmt gemacht hat, ist auf der Kreuzberger Seite plattgemacht worden. Vom historischen Pflaster und den Schienensträngen, die zusammen mit dem Wildwuchs aus Birken, Robinien und Pappeln, Rosensträuchern und Königskerzen die östliche Seite des Anhalter Güterbahnhofs entlang der Möckernstraße geprägt haben, sind nur wenige, inselhafte Reste geblieben. Zuwenig, um die historische Dimension des früheren Güterbahnhofs zu bewahren.

Erfolgreiche Bürgerbeteiligung am Westpark

Auf der Westseite des Gleisdreieck hat nun im Winter die Freimachung für die Bauarbeiten  begonnen. In den nächsten Monaten wird es darum gehen, dass bei der Bauvorbereitung durch die Grün Berlin GmbH behutsam vorgegangen wird, so dass hier die Fehler vom Ostpark nicht wiederholt werden.
Im vergangenen Jahr 2010 sind zwei entscheidende Durchbrüche für den Westpark geschafft worden. Der erste Erfolg war die Lösung des Problems Kleingärten – Sport. Die Kleingärten bleiben nun langfristig gesichert, für den Vereinssport gibt es die Alternative auf dem Baumarkt im Yorckdreieck und auf dem Tempelhofer Feld. Auf Basis dieser Entscheidung konnte in der projektgleitenden Arbeitsgruppe durch die Vorschläge der Anwohnervertreter und Quartiersräte der Plan für den Westpark sehr positiv verändert werden. Das ist der zweite Erfolg. In den nächsten Monaten wird es darauf ankommen, dass diese Erfolge nicht verspielt werden durch eine zu grobe Bauausführung. Wichtige Themen sind außerdem die noch offenen Fragen des Plans, die Verbindung zwischen Nelly-Sachs-Park und Gleisdreieck, der Marktplatz in den Kleingärten, die Platzierung des Bolzplatzes, dessen Verortung im Plan von der BVV F’hain-Xberg  (Beschluss der BVV F’hainXberg vom 15. 11. 10) kritisiert wurde und die Wege, die den Park im Süden an die Yorckstraße und an den Bautzener Kiez anbinden sollen.

Trotz der Erfolge: Aktivisten zerstritten

Trotz der Erfolge bei den Planungen für den Westpark ist die Stimmung unter den Aktiven nicht die beste. Die Frage des Sports hat die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck an den Rand der Spaltung gebracht. Auf der einen Seite standen die, die den Park hauptsächlich unter dem Aspekt Naturschutz sehen, auf der anderen Seite die, für die der Park auch eine soziale Funktion darstellt. Die Debatten auf den Veranstaltungen und in den Emailverteilern wurden so verbissen geführt, dass sich viele Engagierte enttäuscht zurückzogen. In Folge dieser Konflikte hat sich 2010 auch die Parkgenossenschaft Gleisdreieck aufgelöst. Für 2011 wünsche ich mir, dass wir wieder mehr zu einer sachlichen, lösungsorientierten Diskussion zurückkehren. „Und nicht jede Brache ist ökologisch wertvoll.“ sagte Achim Apel vom Landwehrkanalblog am 4. 1. 2011 im Gespräch mit der TAZ. Das wäre schon mal ein Zeichen in die richtige Richtung.

Faktencheck à la Geißler für den Nord-Süd-Grünzug

Südlich der Yorckstraße, östlich der Bahn hat sich in 2010 die Planung für den Flaschenhals positiv verändert, zugunsten von mehr Erhalt der wildgewachsenen Natur. Hier der Link zu ein paar Bildern von den Yorckbrücken und vom Flaschenhals, die Anfang Januar von Janina Willenbücher aufgenommen wurden.
Westlich der Bahn ist zwar klar, dass der Weg von Westpark des Gleisdreiecks kommend über das Hellweg-Grundstück im Yorckdreieck führen und dort über die  Brücke Nr. 5 die Yorckstraße passieren wird. Aber wie es südlich weitergeht auf der Fläche an der Bautzener Straße, die ein Dortmunder Investor (Schröder) erworben hat, ist noch völlig unklar.
Noch mehr Fragezeichen gibt es an der Monumentenbrücke. Dort sind in der offiziellen Planung zahlreiche Rampen auf der Ost- und Westseite des Bahngeländes vorgesehen, für die sehr viele Bäume geopfert werden sollen. Es gibt einen Alternativvorschlag des BUND für sparsamere Rampen auf der Westseite des Geländes und es gibt einen Vorschlag für freistehende Rampen, der ganz ohne Eingriffe in den Böschungen auskommt und der von der Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck unterstüzt wird. Seit Mitte Dezember 2010 gibt es auch den bemerkenswerten Vorschlag der SPD, den S-Bahnsteig der S2 ebenfalls mit einer Rampe von der Monumentenbrücke zu erschließen. (Antrag der SPD, eingebracht in die BVV F’hainXberg und Tempelhof-Schöneberg, 15. 12. 2010).   Die Hoffnung für 2011 ist, dass das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg seine Blockadehaltung aufgibt und hier einen Faktencheck à la Geißler zuläßt, anstatt die Subventionen aus dem Stadtumbau-West-Programm blindlings in den Sand zu setzen.

Der Gleisdreieck-Park gentrifiziert . . .

. . . die benachbarten Stadtteile. Gelegentlich bekomme ich über diese Website Anfragen von Menschen, die eine Wohnung kaufen wollen. Es gibt zahlreiche Immobilienanbieter, die mit der Nähe zum zukünftigen Gleisdreieck-Park Werbung machen. Auch wenn sich manche Interessenten wieder enttäuscht abwenden, wenn sie erfahren, dass die grauen Flächen auf den Parkplänen zukünftige Bauflächen sind (nämlich die Baufelder östlich der Flottwellstraße), ist die Werbung doch erfolgreich. In der Dennewitzstraße 1 ist ein Projekt in Vorbereitung, auf der Westseite der Flottwellstraße  sind zwei Projekte im Bau, Flottwellstraße 2 und Flottwellstraße 3.  Im Süden des Gleisdreiecks gibt es das Projekt Monumentenstraße 13 und das Projekt für den Superriegel im Rücken der Eylauer Straße. Auf der Ostseite des Parks gibt es ähnliche Projekte: die Möckernstraße 112 und die knapp 400 Wohnungen der Baugenossenschaft Möckernkiez. Die Projekte haben großen Zulauf, sie arbeiten überwiegend mit guter Architektur, sind ökologisch und teilweise auch sozial innovativ:  Sie schaffen neue Hausgemeinschaften – aber leider nur für die Etwas-Besser-Verdienenden. Zu befürchten ist, dass durch den Park und durch die Baugemeinschaften rund um den Park die Mieten steigen werden und die Verdrängung der angestammten Mieter bewirkt wird. Ein aktuelles Beispiel sind die Häuser in der Pohlstraße 43 bis 53, die 1983 im Rahmen der IBA als Sozialwohnungen neu gebaut wurden. Nach dem Auslaufen der öffentlichen Förderung, die in Millionenhöhe hier hineingeflossen ist, haben die Eigentümer einfach Insolvenz angemeldet. Die Mamrud-Smuskovics-Gruppe, die schon zahlreiche Grundstücke im Umfeld des Gleisdreiecks erworben hat (Schöneberger Straße, Eylauerstraße) hat die Häuser in der Pohlstraße aufgekauft. Siehe Bericht „Investoren können gut verdienen“,  Berliner Zeitung vom 5. 1. 2011. Die Mieten sollen nun bis zu 60% steigen, was unweigerlich zu einem Austausch der Bewohnerschaft führen würde.

Die Bewohner wollen sich natürlich wehren. Eine Unterstützung der Bewohner durch die Politik ist jedoch bisher nicht sichtbar. Ist es Unfähigkeit oder Machtlosigkeit? Oder ist die Verdrängung sogar gewünscht? Sicher ein Thema im kommenden Wahlkampf.

Vom Sozialen Wohnungsbau zum Spekulationsobjekt?,  Text zur Pohlstraße auf dem Gentrificationblog von Andrej Holm

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3 Kommentare zu “Was bringt das neue Jahr 2011 am Gleisdreieck?

  1. Die oben erwähnte Mamrud & Smuskovics Gruppe hat nicht nur „schon zahlreiche Grundstücke im Umfeld des Gleisdreiecks erworben“, sondern „bewegt“ sich auch gerne in den Grenz-/Mauergebieten zwischen den Stadtteilen in Berlin. Auf einem der Grundstücke zwischen Schöneberg und Kreuzberg (Monumentenstraße 15 GmbH) ist gerade eine illegale Mülldeponie aufgeflogen (s. Berliner Morgenpost vom 26. Januar 2011, Seite 15). Was nun die Pohlstraße (zwischen Tiergarten und Schöneberg) angeht, ist deren Kalkül, dass nach der Fertigstellung des Parks die gesamte Gegend eine Aufwertung erfährt. Die aus der Insolvenz extrem günstig erworbenen Häuser können dann gewinnbringend weiterverkauft werden – am besten ohne Mieter. Aber genau mit diesen Mietern bzw. deren Widerstand hat die Mamrud-Smuskovics-Group nicht gerechnet. Und die Tatsache, dass unweit der Pohlstraße das älteste Gewerbe der Welt beheimatet ist, wird den sogenannten Investoren hoffentlich auch einen Straßenstrich durch die Rechnung machen! Als freie Journalistin habe ich schon umfangreiche Recherchen über die Firmengruppe von Josif Smuskovics und Lior Mamrud betrieben: An die 30 GmbHs allein aus dem Immobiliensektor sind bekannt, die meisten davon gibt es aber nur auf dem Papier. Ein wesentliches Standbein dieser Firma ist die Ausbeutung des (teilweise noch öffentlich geförderten) sozialen Wohnungsbaus in Berlin – daneben firmieren jede Menge gewerbliche Leerstände wie z.B. in der Lankwitzer Straße 38 in Mariendorf als (Steuerabschreibungs-) GmbHs. Und nun ist diese „Unternehmensgruppe“ im Zusammenhang mit dem Betreiben einer illegalen Mülldeponie MITTEN IN BERLIN auffällig geworden. Ein mehr als dubioses Firmengeflecht… MM

    http://www.welt.de/print/welt_kompakt/vermischtes/article12344475/Umweltamt-hebt-illegale-Muelldeponie-aus.html

  2. Es hat sich nichts geändert bezüglich der Disskussion. Konstruktive Disskussionen ohne Machtspielchen und persönliche Interessensvertretung wäre eine echte Alternative.

  3. Reichlich spät möchte ich doch noch auf das aus dem Zusammenhang gerissene Zitat darüber, dass nicht jede Brache ökologisch wertvoll sei, eingehen:

    In dem taz-Gespräch ging es u.v.a. darum, ob aus Gründen der Adaption an den Klimawandel Nachverdichtung prinzipiell unterbleiben und jede Baulücke offengehalten werden sollte, was ich mit den zitierten Worten verneinte.

    Auf dem Gelände des ehemaligen Potsdamer Güterbahnhofs, also dem Gleisdreieck-Westpark hingegen muss es – zumal vor dem Hintergrund der brachialen Naturvernichtung auf dem Ostpark – darum gehen, den letzten zusammenhängenden Rest Ruderalvegetation der ursprünglichen Bahnbrache zu erhalten und nicht, wie von Loidl/Grün Berlin geplant und von einigen in der Projektbegleitenden Arbeitsgruppe (PAG) vertretenen Quartiersräten, darunter Matthias Bauer, unterstützt, einem Kleinspielfeld zu opfern. Das hat nicht das geringste mit Fußballphobie oder gar Kinderfeindlichkeit zu tun. Matthias selber hat ja hier im Blog schon Kompromissbereitschaft erkennen lassen, wenn ein Alternativstandort auf dem Gelände gefunden werden könne -, und den gibt’s in der Tat: bspw. unter der U2, wo keine wertvolle Bestandsvegetation samt dem ursprünglichen Charakter einer Brachlandschaft zerstört würde und auch der mit einem Bolzplatz einhergehende Lärm unproblematisch wäre. Auch unterm Aspekt der sozialen Kontrolle ist dieser Standort ungleich geeigneter.

    Sehr problematisch aber finde ich die Entgegensetzung von Naturschutz- und sozialem Aspekt bei der Parkgestaltung und kann kaum glauben, dass es auch hier wieder nötig ist, an die kulturelle Funktion und positive soziale Wirkung von Naturerleben und der Erfahrung „wilder“ Stadtnatur auch und gerade für naturentfremdete Stadtkinder und -jugendliche zu erinnern. Stichworte wie selbstbestimmtes Spiel, Forschen und Entdecken, Abenteuer und Rückzugsraum sollen genügen, vor allem aber Attenboroughs Diktum: „Man schützt nur, was man kennt.“

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