Unwürdige Kampagne

Offener Brief von zwei Sport-Präsidenten an Bürgermeister Schulz

Schwerwiegende Vorwürfe machen Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes, und Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbandes, dem Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeister Franz Schulz in einem offenen Brief. Bürgermeister Schulz grenze aus, bediene Einzelinteressen und missachte den Anspruch junger Menschen an der Teilhabe von sportlichen Bewegungsaktivitäten. Die Interessen von 60 Parzelleninhabern würden ihm mehr bedeuten, als das Wohl vieler Kinder und Jugendlicher im Bezirk. Anlass dieser Vorwürfe ist ein Beschluss  am Mittwoch den 28. 06.10 in der BVV F’Hain-Kreuzberg. Mit diesem Beschluss hatte die BVV gegen die Stimmen von SPD die Sicherung der Kleingärten auf dem Potsdamer Güterbahnhof beschlossen sowie Alternativen für den Sport im Yorckdreieck und auf dem Tempelhofer Feld vorgeschlagen. Bedeutet das, dass kein Sport im zukünftigen Gleisdreieck-Park stattfindet?

Nein! Der Landessportbund (LSB) hat offensichtlich immer noch nicht mitbekommen, dass der frühere Potsdamer Güterbahnhof, der Gleisdreieck-Westpark ein veritabler Sportpark wird:

  • Heute schon befinden sich südlich der Hochbahnlinie U2 ca. 17.000 m² Beachvolleyball
  • Südlich des Beachvolleyballs sieht die aktuelle Planung des Ateliers Loidl einen 20 m x 40 m großen Bolzplatz vor.
  • Nördlich des Beachvolleyballs beginnen die Schöneberger Wiesen, die sich bis zum Landwehrkanal erstrecken und die mit einem strapazierfähigen Rasen ausgestattet werden, auf dem Kicken, Frisbee spielen, Federball und vieles mehr möglich ist.
  • In der Nähe des U-Bhf.-Gleisdreieck wird es eine multifunktionale Spielfläche geben für Basketball, Trampolinspringen und weitere Trendsportarten.
  • Im Parkrahmen werden Flächen für Boule entstehen sowie Tischtennistische und Fitnessgeräte installiert werden.
  • Die Hauptwege werden asphaltiert sein, damit Fahrradfahrer und Skater rollen können.
  • Jogger werden wassergebundene Wege finden, auch innerhalb der Kleingartenkolonie, die Teil des Parkes werden wird.

Halt, das ist ja alles kein Vereinssport! wird der LSB einwenden. Aber es wurde auch an den Vereinssport gedacht:

  • Einen wettkampfgerechten Fußballplatz, den UEFA-Normen entsprechend, wird es in unmittelbarer Nähe zum Westpark im Yorckdreieck auf dem Dach des Baumarktes Hellweg geben.
  • Und es wird 4 bis 6 wettkampfgerechte Fußballplätze auf dem Tempelhofer Feld geben. Das hat Frau Profé, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, auf der Sitzung des Runden Tisches Sport/Kleingärten/Gleisdreieck am 29. 01. 2010 zugesagt. Die Senatsverwaltung sei diesbezüglich mit Türkiyemspor im Gespräch.

Die Zusage für Tempelhof  ist ein Erfolg der Arbeit des Runden Tisches. Der Landessportbund war bei allen Sitzungen dieses Runden Tisches vertreten, war bei allen Verfahrensschritten beteiligt. Das Ergebnis der Arbeit am Runden Tisch kann sich sehen lassen und wurde mit großer Mehrheit von der BVV F’Hain-Kreuzberg angenommen. Von daher ist die im offenen Brief der Sportpräsidenten  formulierte Kritik völlig unverständlich.

Der Runde Tisch hat sich sehr ernsthaft und intensiv mit den räumlichen Möglichkeiten für den Vereinssport im zukünftigen Gleisdreieck-Park beschäftigt. Dabei stellte sich heraus, dass die Fläche zwischen den beiden Hochbahnen U1 und U2 auf dem Potsdamer Güterbahnhof die einzige gewesen wäre, die rein physisch und vom Planungsrecht her geeignet gewesen wäre, einen wettkampfgerechten Fußballplatz aufzunehmen. Der Standort wurde jedoch von der Senatsverwaltung und von vielen Anwohnern abgelehnt. Unter diesem Druck wurde schließlich die Zusage der Senatsverwaltung für das Tempelhofer Feld erreicht.

Am Ende des offenen Briefes schreiben die Präsidenten Böger und Schultz, Bürgermeister Schulz sei dem Auftrag, einen Kompromiss zu finden, nicht gerecht geworden und sie unterstellen: „Ein Kompromiss war womöglich auch nicht das Ziel.“  Aber sie führen nicht aus, wie dieser Kompromiss  hätte aussehen können. Diese Antwort bleiben die Präsidenten schuldig, genauso wie die Vertreter des Landessportbundes, die auf allen Sitzungen des Runden Tisches dabei waren. Sie hätten dort Vorschläge für diesen Kompromiss einbringen können. Haben sie aber nicht.

In dem offenen Brief jedoch unterstellen Böger und Schultz, wenn man die Kleingärten plattgemacht hätte, hätte dort genügend Sport realisiert werden können. Es sei aus  heutiger Sicht eine falsche Entscheidung gewesen, die Fläche C (das ist die Fläche südlich der Hochbahnlinie U2) im Rahmen des landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs auszuklammern, schreiben sie. Hier sind die beiden Präsidenten von ihren Mitarbeitern völlig falsch informiert worden. Auch darüber wurde am Runden Tisch ausführlich gesprochen. Beim landschaftsplanerischen Wettbewerb im Jahr 2006 war die Fläche C  nicht ausgeklammert. Die Auslobung des Wettbewerbs forderte von den teilnehmenden Landschaftsarchitekten, hier zwei wettkampfgerechte Sportplätze unterzubringen. In den Ausschreibungsunterlagen war die Kleingartenkolonie schon ausradiert. Kein einziger der 86 Teilnehmer des Wettbewerbs hat jedoch die Sportflächen dort im gewünschten Umfang eingezeichnet. Nicht wegen der Kleingärten, sondern einfach, weil dies auf der Fläche, einem spitzwinklig zulaufendem Dreieck, nicht möglich war.  Dass die Verwaltung trotzdem an dem nicht geeigneten Standort festhielt, war ein großer Fehler. So dauerte es noch bis zum Frühjahr 2008, als die 5,5 Mio. € aus der überbezirklichen Dringlichkeitsliste für die Realisierung des Sports zur Verfügung gestellt wurden. Nun stellte sich heraus, dass dort nicht zwei, sondern nur ein wettkampfgerechter Fußballplatz hinpasst, dass dieser Platz zu nahe an der benachbarten Bebauung gewesen wäre (im Bebauungsplanverfahren wurde dort ein  Lärmabstand von 120 m festgelegt) und dass die Achse des Generalszugs, die  für eine Wegeverbindung freigehalten werden soll, blockiert worden wäre. Als es klar wurde, dass der Standort nicht funktioniert, hat Bürgermeister Schulz dann den Runden Tisch eingerichtet, dessen Arbeitsergebnis nun im Bezirk zur Abstimmung vorlag.

Es gibt eine zweite schlimme Fehlinformation im offenen Brief von Böger und Schultz. Sie schreiben, dass für den Erwerb der 4 ha großen  Fläche C  (Potsdamer Güterbahnhof südlich der U2), die das Land Berlin gegen die Fläche im Yorckdreieck, wo die Araltankstelle liegt, getauscht hat, Berlin zusätzlich einen Wertausgleich von 1,3 Mio. € habe leisten müssen. Geld, das nun allein den Kleingärtnern zugute käme. Auch hier sind die beiden Sport-Präsidenten von ihren Mitarbeitern falsch informiert worden. Am Runden Tisch wurde über den Flächentausch ausführlich gesprochen. Dabei wurde festgestellt, das kein Geld geflossen ist, sondern dass es sich um einen wertgleichen Tausch gehandelt hat. Außerdem belegen die Gärten nur rund die Hälfte der 4 Hektar großen Fläche.

Dass Gefährliche an dieser Fehlinformation ist, dass damit in der Presse eine Neiddiskussion gegen die Kleingärtner angezettelt wird. „Am Gleisdreieck streiten Kleingärtner mit Sportlern“ titelte die Morgenpost am 1. Juli 2010 auf Basis des offenen Briefes. Zurück zu alten Feindbildern, ist die Parole. Da kann man sich bequem aufregen, das ist  immer einfacher, als  konstruktiv an Lösungen zu arbeiten. Und als Sündenböcke, die vom Versagen des Landessportbundes ablenken, taugen die Kleingärtner allemal. Übrigens, vielleicht beruhigt es ein wenig die beiden Präsidenten Böger und Schultz: für die Realisierung des Hellwegbaumarktes mit dem Fußballplatz auf dem Dach müssen auch eine Handvoll Kleingärten aufgegeben werden, die sich am Rand des Baugrundstücks Yorckdreieck befinden.

Im Wortlaut:

Von der BVV am 29. 06. 2010 beschlossene Drucksache:

Ältere Beiträge zum Thema:

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2 Kommentare zu “Offener Brief von zwei Sport-Präsidenten an Bürgermeister Schulz

  1. Ich nehme den kurzen Artikel von „Lapidarium42“ auf, den die Aufzählung des vorstehenden Beitrages zu schon vorhandenen und noch zur Umgestaltung anstehenden Nutzungsflächen

    „[…] -> Heute schon befinden sich südlich der Hochbahnlinie U2 ca. 17.000 m² Beachvolleyball
    […]“ usw. usf. => SIEHE OBEN !

    berechtigterweise etwas zu irritieren scheint, da diese Aufzählung Anlaß gibt, von einem reinen Sport-/Halli-Galli-Park auszugehen, der zudem noch unter dem Verlust von einigen Kleingarten-Parzellen (zugunsten der Fläche des Baumarktes und der Sportfläche auf dessen Dach => s. o.) realisiert wird.

    Man kann schon die Meinung vertreten, dass „… sicherlich unfreiwillig, eine etwas egozentrische Sicht auf den doch noch nicht ganz vollständig eingeebneten ‚Landschaftspark‘ dokumentiert wird. …“ (Quelle: Lapidarium42)

    Wie diese Aufzählung in Einklang mit der Verwendung der bereitgestellten A & E-Mittel zu bringen ist, das ist mir ein Rätsel.

    Ebenso, wie sie anscheinend Zustimmung bei einigen Akteuren zu finden scheint. Nachteile werden sich dadurch vermutlich nicht für sie ergeben.

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