Sport auf dem Gleisdreieck

Angstmache und Verunsicherung statt unvoreingenommener Prüfung

Das turbulente Planungsforum vom 5. 11. 2009, auf dem der Entwurf für den westlichen Teil des Gleisdreiecks vorgestellt wurde, liegt nun schon ein paar Tage zurück. Schöneberger Norden und Landwehrkanalblog haben dankenswerterweise ausführlich darüber berichtet. Auch darüber, dass im Grunde alle Planungen noch in der Luft hängen. Denn auf der Veranstaltung wurde deutlich, daß die Planer von Senat, Grün Berlin und Atelier Loidl in ihrer bisherigen Arbeit  das ungelöste Problem des Sports einfach nicht behandelt haben. Warum eigentlich nicht?

Im 25. 05. 2009 und am 9. 09. 09 hatte der Runde Tisch des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg getagt. Ziel dieser Runde war, das seit den 90er Jahren ungelöste Problem anzugehen. Auf der ersten Sitzung wurde Themen festgelegt und ein Zeitplan besprochen. Danach sollte es in der zweiten Sitzung im September um räumliche Alternativen für den Sport auf dem Gleisdreieck gehen. M. Bauer von der AG Gleisdreieck hat auf dieser Sitzung aufgezeigt, dass die einzige Fläche, die planungsrechtlich und real-physisch geeignet ist, einen wettkampfgerechten Fußballplatz, aufzunehmen, die ehemalige Baulogistikfläche zwischen den beiden Hochbahnlinien U1 und U2 ist. (Siehe Skizze).

Skizze zum Prüfungsauftrag des Runden Tisches
Skizze zum Prüfungsauftrag des Runden Tisches

Der Runde Tisch hatte deswegen am 9. September 09 folgenden Prüfungsauftrag formuliert:

  1. Einpassungsstudie für einen alternativen Standort eines Großspielfeldes auf dem Westteil des Gleisdreiecks zwischen den beiden Hochbahntrassen unter folgenden Aspekten:
    • Erschließung der Sportanlage
    • Standortfindung für Funktionsgebäude
    • Raumwirkung (Absenkung der Sportanlage)
    • Berücksichtigung der Trassenfreihaltung für künftige Bahnstrecken
      • GrünBerlin GmbH mit SenStadt / Abstimmung wegen Kostenbeteiligung mit BA
  2. Identifizierung von möglichen Ausgleichs- und Ersatzflächen für den Bau einer Sportfläche im
    • künftigen Park
    • im städtebaulich-kausalen Zusammenhang zum Potsdamer Platz
      • SenStadt, AG Gleisdreieck
  3. Überprüfung der naturschutzfachlichen Aspekte
    • Kleingartenflächen als förmliche Ausgleichsflächen im naturschutzrechtlichen Sinne
    • Bundesweite Rechtssprechung (Verwaltungsgerichte)
    • SenStadt; Herr Ehrenberg (Kleingartenverband)

(Wörtlicher Auszug aus dem Protokoll vom 09.09.09)

Der Prüfungsauftrag wurde auf der Sitzung am 9. 9. 09 von den Vertretern der Senatsverwaltung und der Grün Berlin GmbH angenommen. Bürgermeister Franz Schulz erklärte, dass der Bezirk bereit sei, zusätzlich entstehende Planungskosten zu übernehmen.
Bis Anfang November sollten die Ergebnisse der Studie vorgelegt werden. Doch nichts ist passiert!
Stattdessen kocht die Gerüchteküche:

  • Angeblich wolle sich der Landessportbund sowieso nicht mit nur einem Trainingsplatz zufrieden geben, wissen gut informierte Naturschützer.
  • Immer wieder ist in Diskussionen von Stadion und von Profisport die Rede, obwohl völlig klar ist, dass es hier nur um einen Trainingsplatz in der Größe von 95 x 65 m gehen kann.
  • Die Vertreterin der Senatsverwaltung in der Projektbegleitenden AG behauptet am 3.11.09, der Alternativstandort könne nur auf Kosten der Kleingärten im nördlichen Bereich der Kolonie realisiert werden. Die Aussage wird durch nichts belegt, aber das Gerücht ist damit in der Welt. Es verunsichert, macht Angst und es wird weiter getragen von jenen, die Sport und Kleingärten wie in der Vergangenheit gegeneinander ausspielen wollen.
  • Drei der gewählten Anwohnervertreterinnen (Stellvertreterinnen) verhindern vier Wochen lang die Herausgabe einer gemeinsamen Stellungnahme der Initiativenplattform, weil dort eine große Mehrheit der Teilnehmer den Auftrag zur Einpassungstudie begrüßt hat. Schließlich erscheint die Stellungnahme mit großer Verspätung. Außer der Mehrheitsposition wurde auch die Position der ablehnenden Minderheit aufgenommen.
  • Im Protokoll der „Projektbegleitenden AG“ vom 3. 11. 09 wird schließlich nur die Position dieser Minderheit zitiert. „Dem ist aus Sicht von SenStadt und Grün Berlin nichts hinzuzufügen“ heißt es da lapidar.
  • Auf der Veranstaltung am 5. 11. 09 stellte das Atelier Loidl die Planungen dar, ohne den Sport überhaupt zu erwähnen. Erst in der anschließenden Diskussion äußerte sich Leonard Grosch (Mitinhaber des Atelier Loidl) ähnlich ablehnend zum Sport wie Grün Berlin und SenStadt zuvor.

Es ist zu befürchten, daß der Prüfungsauftrag „Einpassungstudie“  von den dafür vorgesehen Stellen bei der Senatsverwaltung, Grün Berlin und Atelier Loidl nicht mehr unvoreingenommen ausgeführt werden kann. Der Runde Tisch und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wären gut beraten, auf eine unabhängig und unparteiisch erstellte Einpassungstudie zu drängen.
Eine planerische Darstellung des Fußballplatzes mit den notwendigen Nebenanlagen und der Erschließung sowie eine Abklärung der rechtlichen Rahmenbedingungen werden gebraucht, um die schwierige Frage zu beantworten, ob der Park den Sport verträgt.

Die Insider und Fachleute, die in den letzten Wochen durch ihre Aktivitäten hinter den Kulissen die Ausarbeitung der Einpassungstudie torpediert haben, haben die Frage für sich schon mit einem Nein beantwortet. Die Aktionsgemeinschaft Gleisdreieck ist in der Frage tief gespalten. Ein Teil hat sich abgewendet von der ursprünglichen Position der Bürgerinitiative, die noch am 27. 06. 2006 in ihrer gemeinsamen Stellungnahme zum Bebauungsplan Gleisdreieck geschrieben hat:

„. . . mit einer Testplanung, bei der verschiedene Denkmodelle durchgespielt werden, unter anderem auch die Anordnung der Sportfelder an anderer Stelle auf dem Gelände. Erst eine solche Testplanung, die verschiedene Varianten gedanklich durchspielt und auch für Laien verständlich macht, schafft die Grundlage für eine fundierte Entscheidung . . .“

Link zur vollständigen Stellungnahme 27. 06. 09

Durch den Prüfungsauftrag des Runden Tisches ist nun erstmals eine solche Testplanung in Reichweite  – wenn er denn ausgeführt wird.

In den letzten Tagen sind verschiedene Stellungnahmen veröffentlicht worden. POG, die Kleingartenkolonie fordert in ihrer Stellungnahme, daß die Arbeit des Runden Tisches ernst genommen und der Prüfungsauftrag ausgeführt wird. Der Quartiersrat Magedburger Platz und die Interessengemeinschaft Potsdamer Straße wenden sich in ihren Stellungnahmen explizit gegen den Sport. Nach ihrer Argumentation würde ein wettkampfgrechtes Fußballfeld den Erholungswert für die Anwohner vermindern. Abgesehen von dem Hinweis auf Tempelhof wird keine Lösung angedacht. Dagegen könnte man anworten: Dieser Automatismus – Fußballplatz = keine Erholung = kein Park– ignoriert, daß für die meisten Jugendlichen in den an das Gleisdreieck angrenzenden Stadtteilen Fußball der Sport Nummer 1 ist. Auch diese Jugendlichen sollten ihren Platz in dem Park haben. Würde man eine Lärmkarte des Gleisdreiecks zeichnen, würde deutlich, dass die Stelle, die jetzt als Fußballplatz geprüft werden soll, die am höchsten belastete ist: die Qietschkurve der U2, das Rumpeln der U1, die S1 und die S2, die bei Einfahrt in den Tunnel immer brav hupen sowie die Gleise der Fernbahn und Regionalbahn in unmittelbarer Nähe. Später könnten noch die Regionalbahn Potsdam und die S21 dazukommen. Die ruhigen Plätze werden sich eher an anderer Stelle im Park finden.
In diesen Sätzen wird deutlich, wie schwer die verschiedenen Interessen gegeneinander abzuwägen sind. Auch deswegen sollte der Runde Tisch des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg am Prüfungsauftrag festhalten und damit eine fundierte Grundlage für die Entscheidung schaffen. Die politische Entscheidung fällt letztlich in der BVV des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Aber: die Entscheidung sollte durch eine breite Beteiligung der Anwohner in den angrenzenden Stadtteilen vorbereitet werden. Auch die Sportgegner sollten mithelfen, daß eine breite Beteiligung zustande kommt. Die Einpassungsstudie wäre die Grundlage für eine solche Beteiligung. Liegt die Studie auf dem Tisch, kann jeder konkret sehen, um was es geht.

Materialien zum Thema

Nachtrag 6. 12. 2009

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